Hochtonlästig wird die Super Linton tatsächlich nie. Immer wieder werde ich in den folgenden vielen, vielen Hörstunden diese erstaunliche Erfahrung machen: Aufnahmen, die ich als problematisch erinnere, höre ich in einem Rutsch durch. Keine blutenden Ohren, keine Listening Fatigue, sondern Appetit auf noch eine Scheibe. Sogleich regt sich der kritische Impuls. Steckt da vielleicht euphonische Behübschung dahinter? Fährt da jemand mit dem nassen Aquarellpinsel übers Bild, um etwaige scharfe Konturen, Grieseln und Scharten minder guten Materials zu verwischen? Sodass sich hübsche Verläufe ergeben, musikalische Details aber verschwimmen? Die Linton neigt gewiss stärker zur Malerei als zur Zeichnung. Aber, das finde ich bald heraus, sie macht keinen Sound, sie nivelliert nicht und sie unterschlägt nichts. Die oft subtilen Unterschiede zwischen CD- und High-Res-Varianten derselben Tracks bleiben vollumfänglich erkennbar. Wenn ich historische Klaviere vergleiche, ob nun Ronald Brautigam Beethoven auf dem Nachbau eines Graf-Hammerflügels von 1819 spielt oder András Schiff Schubert auf einem Brodmann von 1820, immer höre ich den jeweiligen Charakter getreu heraus. Das gilt auch für Personalstile: Ob nun John Coltrane ins Tenorsaxophon bläst, Hank Mobley oder George Coleman, das offenbart sich sofort. Akustische Instrumente können farbentreuer kaum klingen. Man hört, wie das Holz und die Luftsäule im Innern von Oboen oder Klarinetten schwingen; historische Streicher mit Darmsaiten erklingen nicht schneidend, wie oft auf hell abgestimmten Systemen, sondern ohne jeden Anflug von Schärfe. Auch massive Orchestertexturen werden organisch aufgefächert, dynamische Spitzen kompressionsfrei mitgeteilt. Im Bass reicht die Box tief hinunter.
Ich höre eine mit der Ur-Linton ungefähr zeitgenössische Aufnahme, Otto Klemperers Einspielung von Mahlers Vierter von 1960 mit dem Philharmonia Orchestra. Weiträumig verteilen sich die Pulte in der legendären Kingsway Hall, dem Klangbild folgend könnte ich die Tiefen- und Breitenstaffelung der Orchestergruppen nachzeichnen. Es ist, als erlebte ich diesen mir bestens bekannten Meilenstein der Interpretations- und der Schallplattengeschichte zum ersten Mal. Klemperers magistrale Gelassenheit und Ruhe teilen sich auf eine beglückende Weise mit, weil die Linton geradezu wahlverwandt entspannt musiziert. Sie ist kein Zuchtmeister, vielmehr spannt sie ihre Klangräume auch deshalb so weit auf, weil jedes Instrument auf natürliche Weise ausschwingen darf. Das sorgt zudem für einen hochmusikalischen Fluss. Immer wieder fallen mir subtile Stimmverläufe ins Ohr, die andere Lautsprecher zwar nicht unterschlagen. Aber sie teilen den musikalischen Sinn nicht derart überzeugend mit. Und auch den Swing lässt die Linton nicht vermissen. In puncto Timing musiziert sie gelassen und entspannt, dabei immer den melodischen Fluss bewahrend.
Mit der Zeit offenbart sich mir immer mehr vom Geheimnis der Wharfedale. Was diesen Lautsprecher im Kern ausmacht, das ist gar nicht mal das tonale Wohlbehagen, das er in jedem Moment vermittelt. Klang ist das Medium der Musik, aber nicht schon die Musik selbst. Hier geht es um das musikalische Erleben. Die existenzielle Dringlichkeit, in der der bereits todkranke Lars Vogt zusammen mit Barbara Buntrock, Christian und Tanja Tetzlaff die Klavierquartette 2 und 3 von Johannes Brahms musiziert, teilt sich denn auf erschütternde Weise mit (Ondine). Hier, wie auch sonst, zieht sich das kritische Ohr des Testers zugunsten der musikalischen Wahrheit zurück.