Jetzt aber steht sie in ihrer imperialen Größe da, die Liszt Reference. Auf massiven und doch so eleganten Aluminium-Spikes ruhend, spielt sie sich ein. Das braucht seine Zeit. Obwohl die Liszt schon frisch aus der Kiste recht wohl- und allenfalls etwas nasal belegt lautet, sind mindestens fünfzig Stunden nötig, gerne mehr, bis sich Mechanik und Materialien lockern und auf der Höhe ihrer Möglichkeiten zu spielen beginnen. Dass auch die Aufstellung der Sorgfalt bedarf, zeigt schon ihr augenfälligstes Merkmal an: Wie schon bei der vor gut zehn Jahren präsentierten Vorgängerin, der Liszt noch ohne Reference, sitzt die Mittelhochtoneinheit wie der Kopf auf dem Körper der Tieftoneinheit. Dank eines »Halses« aus Aluminium lässt sich das autonome Gehäuse auf den Hörplatz einwinkeln. Der Grund dafür ist klar: Je kürzer die Schallwellen, desto stärker sind sie gerichtet. Mit dem Grad der Hochtonausrichtung kann ich das Klangbild also wahlweise schärfer stellen oder mir etwas diffusere Räumlichkeit verschaffen. Das ist auch eine Frage des Geschmacks. Ist der zufriedengestellt, arretiere ich den Kopf mit dem mitgelieferten Schraubendreher.
Hier sollte man sich Zeit nehmen, um das ganze Potential des Edellautsprechers auszuloten. Schließlich birgt der Kopf ein ganz besonders feines Chassis, einen aufwendig handgefertigten Koax-Treiber und damit eine Punktschallquelle. Wenn sich Hoch- und Mitteltöner das akustische Zentrum teilen, werden Phasenverschiebungen eliminiert und somit die Räumlichkeit optimiert. Schon die ältere Liszt arbeitete hier mit der patentierten Flat-Spidercone-Technologie. Jetzt wurde sie weiterentwickelt, Chefingenieur Piotr Cholewa erläutert eindringlich ihre Vorzüge: Eine flache Membran eliminiert Phasenverschiebungen, schließlich schwingt sie fast ideal kolbenförmig ohne unerwünschte Partialschwingungen etwa an den Rändern. Freilich gibt es einen Nachteil, sie sei von Natur aus weniger steif als Kalotte oder Konus. Vienna Acoustics wirkt dem mit einer Kompositmembran entgegen, mit einer Mischung aus speziellen Polypropylenen, die an kritischen Stellen von Glasfaserstreben versteift werden. Damit erziele man das optimale Verhältnis zwischen Steifigkeit und innerer Dämpfung. Bei 2.600 Hertz und mit einer Flankensteilheit von 12 dB übergibt der 15 Zentimeter durchmessende Mitteltöner an den Hochtöner im Zentrum, eine doppelt beschichtete Gewebekalotte. Mit seinem kleinen, aber markanten Phase-Plug erinnert er an einen Ringradiator, er adaptiert denn auch die Technologie des Super-Tweeters aus der Klimt-Referenzserie und will maximale Auflösung bei niedrigstem Nervgrad gewährleisten.
Diese Flachmembrantechnologie kommt jetzt auch der Bass-Sektion zugute. Die Vorgängerin hatte hier noch mit Konus-Chassis gearbeitet. Auch hier erlaubt der Materialmix aus Polypropylen und Glaserfaser eine möglichst einfache Konstruktion der Frequenzweiche. Folgerichtig setzt Vienna Acoustics auf Single-Wiring und fertigt auch die hochwertigen Polklemmen im eigenen Haus. Drei 7-Zoll-Woofer sitzen im imposanten Tieftonkabinett, das innen von sieben Verstrebungen gegen unerwünschte Resonanzen stabilisiert wird. Es teilt sich in zwei Kammern auf, die unterschiedlich bedämpft wurden und so ein anderes akustisches Verhalten der ansonsten identischen Treiber bewirken. Der Tieftöner in der oberen Kammer besitzt rückseitig einen eigenen Bassreflex-Flowport und dockt die Mitteltonfrequenzen an, indem er sich bei 230 Hertz mit einer Flankensteilheit von 6 dB ausblendet. Die verbleibenden Woofer teilen sich die untere Kammer und einen weiteren Flowport. Sie sollen eher wie ein Subwoofer wirken, erklärt mir Piotr Cholewa, mithin richtig tief runter gehen und dabei so akkurat wie möglich musizieren.
Das lässt sich überprüfen. Die Liszt hat sich mittlerweile eingespielt und verbreitet ihr intensives, zugleich atmosphärisch leichtes Farbspektrum in meinem Hörraum. Nach einigem Hin und Her bevorzuge ich einen Abstand zur Rückwand von etwas mehr als einem Meter und eine nur minimale Einwinkelung der Mittelhochtoneinheit. Das Tieftonkabinett steht fast parallel. Die beiden Lautsprecher überwinden dabei mühelos eine Basisbreite von mehr als drei Metern, ohne dass sich in der Mitte ein akustisches Loch auftäte. Im Gegenteil, ihr Sweetspot erscheint tatsächlich eher wie eine »Sweet Area«.