Im Gegenzug verlangt er allerdings keine penible Aufmerksamkeit, bevor er sein Potential zeigt. Das verdeutlicht ein kürzlich erschienenes, von Manfred Eicher für ECM produziertes Album schon während der ersten Takte: Der Saxophonist Joe Lovano hat sich nach dem 2019 veröffentlichten, gleichnamigen Debüt des Trio Tapestry erneut mit der Pianistin Marilyn Crispell und der Schlagzeugerin Carmen Castaldi zusammengetan und »Garden of Expression« eingespielt. Das neue Album ist noch stärker vom sensiblen Miteinander der Musiker geprägt, die völlig zeitlos wirkende, mitunter kontemplative Kompositionen ausgestalten. Die Lumina III lässt mich augenblicklich in diese besondere, schwebende Atmosphäre eintauchen, sie vermittelt die sehr direkt eingefangene Akustik des Auditorio Stelio Molo in Lugano in aller Deutlichkeit und leuchtet die Location bis in den kleinsten Winkel hinein taghell aus. Bei »Treasured Moments« fördert sie feinste rhythmische Improvisationen zutage und dokumentiert ausgeprägten Feinsinn bei der tonalen Ausgestaltung der Instrumente: Die Becken versprühen herrlichen Glanz, während das überaus farbenfrohe Spiel von Joe Lovano am Saxophon in all seinen feinen Nuancen zwischen rauchiger Wärme und sanfter Prägnanz erklingt. Vor allem fällt hierbei jedoch auf, dass die Instrumente außerordentlich plastisch wirken: Becken schwingen mit messerscharf gezeichneten Konturen aus, und selbst das Saxophon hat jetzt körperhaften Charakter.

Die Sängerin und Pianistin Ariel Pocock hatte 2019 ihr drittes Album veröffentlicht, das sie mit dem Saxophonisten Chad Eby zusammen aufgenommen hat. Die bemerkenswerte Bandbreite ihrer Gesangsstimme setzt sie in den Songs des Albums »BFFS« wesentlich mehr ein als auf dem Vorgänger. Bei »Call Down Your Ghosts« liegen in ihrem kraftvollen Ausdruck bisweilen gar raue Untertöne, doch in erster Linie verzaubert hier abermals ihre glockenklare Stimmlage, in der sich immer auch Tiefgründigkeit widerspiegelt. Die Lumina III zeichnet sich hier wiederum besonders durch ihre kultivierte Spielweise aus, die mir jede Facette des vokalen Vortrags unmittelbar vor Augen führt und zugleich souverän den Blick auf das Ganze wahrt. Zudem schafft sie eine glaubhafte Illusion der Sängerin: Die natürlich klingende Stimme wird präzise fokussiert, richtig proportioniert und in passender Höhe abgebildet. Gleichzeitig widmet sie sich feinsten Schattierungen des Pianos und bildet den dynamischen Umfang des Instruments mühelos ab.

Tiefe Bassläufe – Hoher Pegel

Wie es um die Durchsetzungsfähigkeit dieses eher zierlichen Lautsprechers bestellt ist, erkunde ich mit einem herausragenden Remix eines Klassikers aus den Anfangstagen des Techno: »The Age Of Love« aus der gleichnamigen EP von Age of Love. Seit seiner Veröffentlichung im Jahr 1989 haben sich etliche namhafte Künstler dieses Titels angenommen, aber wenige Remixe fanden in der Szene so viel Beachtung wie das von Charlotte de Witte und Enrico Sangiuliano während ihres gemeinsamen Auftritts im Mai 2020 in Ghent. Die Lumina III präsentiert sich hierbei in bester Spiellaune, zeichnet auch die tiefen Bassläufe bei hohem Pegel trocken durch und lässt erdige Beats locker federn. Eine reife Vorstellung!