Fangen wir beim Metall an. Über die Materialbasis gibt es unter Kabelherstellern durchaus kontroverse Ansichten. Siltech vertritt eine klare Haltung. Zwölf Jahre habe man seit der letzten Produktgeneration geforscht, um jene in der Tat legendäre Silber-Gold-Legierung weiter zu verbessern, die zu einem Markenzeichen geworden ist. Und nicht nur Siltechs. Auch Crystal Cable, die von Gabi Rynveld, der Ehefrau, geleitete Schwesterfirma, vertraut auf das patentierte Verfahren, winzige Mengen von reinem Gold in die Mikro-Lücken und Unebenheiten der monokristallinen Silberleiter zu injizieren. Das reduziere die materialbedingten Verzerrungen auf einen Wert von 0,01 %. Der Leiterdurchmesser hat sich seit der letzten Generation verdoppelt. Die Legierung weise zudem einen weiteren Vorteil auf: Nicht nur, dass sie das Einspielen verkürze, sie reife zudem wie ein hochwertiger Wein nach, »positive aging« nennt das Rynfeld.

Überraschung inklusive

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, erst nach einer gehörigen Einspielzeit kritisch zu hören. Schließlich vergleiche ich die Classic Legends mit Wettbewerbern auf Augenhöhe, nicht etwa mit schnöden Beipackstrippen. Aber natürlich höre ich schon vorher neugierig hin, als ein erstes Classic Legend 680 P (P für Power) das externe Netzteil meines MSB-Laufwerks zu speisen beginnt. Arcadi Volodos spielt späte Klavierwerke von Brahms. Aber was ist das jetzt? Ich vernehme so gar nichts von den üblichen Merkmalen jungfräulicher Komponenten, keine verhangenen oder körnigen Höhen, keinen ausgebremsten Tieftonbereich, kein verpixeltes oder beengtes Frequenzband. Das klingt vielmehr verdammt räumlich, smooth und farbig. Später erst erfahre ich von Werner Kempf, dem Vertriebschef für Deutschland, dass Siltech selbst die Kabel schon einspielt. Sie müssen darum nicht lange eingebrannt werden, allenfalls mögen sie sich ein Weilchen aufwärmen. Das bleibt nicht der einzige Dienst am Kunden. An jedem Kabel hängt ein sogenannter NFC-Tag. Mit ihm und der zugehörigen Smartphone-App kann ich jedes meiner Kabel registrieren und mich so gegen Grauimporte oder Produktpiraterie schützen.

Woher kommt nun diese stupende Klangverbesserung schon mit dem ersten Netzkabel? Warum scheint Volodos jetzt mehr Energie in die linke Hand als zuvor zu legen? Warum steht der Bass kräftiger und zugleich klarer umrissen im Raum? Auch in späteren Vergleichen stelle ich immer wieder ein präziser durchzeichnetes Tief- und Grundtonfundament fest. Aber auch Mitten und Höhen klingen, als hätte man eine Kamera auf ein Stativ gestellt und damit die Konturen der Abbildung geschärft. Edwin Rynfeld hat eine verblüffende Erklärung für den immensen Einfluss der Netzkabel gerade hier. Die 680P sind nicht von ungefähr doppelt geschirmt. Es geht nämlich nicht nur darum, ihnen die Antennenwirkung auszutreiben. Darüber hinaus muss auch die Anlage vor ihren Abstrahlungen geschützt werden! Netzkabel emittieren ein magnetisches Feld, das in einem Umkreis von bis zu einem halben Meter einstreuen kann. Heikel an ihm ist sein Impulscharakter: Weil die Netzteile der Komponenten nämlich nicht kontinuierlich, sondern punktuell nachladen, und zwar jeweils auf dem Peak der Sinuswelle, produzieren sie Stoßströme. Diese weisen nicht nur alle Harmonischen auf, sie pulsieren zudem asynchron zum Fluss der Musik. Und zwar insbesondere im Bereich um 100 bis 450 Hertz, d.h. vom oberen Tiefton bis in die unteren Mitten. Kein Wunder also, dass ich gerade diesen Bereich so viel besser erlebe: Laut Rynfeld reduziert das 680P das Unruhespektrum um 20 bis 30 Dezibel. Hier, auf dem noch zu wenig erforschten Gebiet der magnetischen Einflüsse, besitze man, so der Niederländer, einen Vorsprung vor anderen Herstellern.

Ein weiteres Netzkabel versorgt mit seinen zwei Paaren verdrillter Koaxialleiter und zünftigen, kontaktvergoldeten Furutech-Steckern jetzt meinen Wandler. Auch hier eignet sich Klaviermusik trefflich für Vergleiche: Ein einziger, aber vom Tiefbass bis in den Diskant breit aufgestellter Schallerzeuger, da werden kleinste tonale Unterschiede vernehmbar. Ob ein Kabel eher analytisch oder eher sonor spielt, merkt man sofort. Höre ich mehr agogische Finessen, einen differenzierteren Anschlag, weiß ich, dass es schnell genug spielt. Das gilt auch für Attacke und Dynamik. Kommen die Fortissimo-Akkorde ansatzlos, verschwimmt nichts, gibt es keine Kompressionseffekte: dito! Leif Ove Andsnes leitet in Beethovens drittem Klavierkonzert das Mahler Chamber Orchestra vom Klavier aus. (Sony) Was für eine Aufnahme! Herrlich offen klingend, bietet sie ein weites tonales Spektrum. Ich schaue dem Pianisten förmlich auf die Finger, so schnell und präzise bildet die Anlage alle Ereignisse ab. Und wie viel tonalen Schmelz gibt es zu hören! In der Kadenz kräuseln sich die Läufe und Arpeggien wie Wellen auf mondbeschienenem Wasser.