Fingerspitzengefühl und Erfahrungswerte sind dann ebenso gefragt, wenn es daran geht, die grundsätzlichen Merkmale der Schaltungstopologie festzulegen. Danach können die Bauteile ausgesucht und ein Platinenlayout entworfen werden, um daraus eine Blaupause für mehrere Modelltypen abzuleiten, oder? Nicht ganz. Bei Musical Fidelity bedeutet eine Modellentwicklung, sämtliche Details für jedes Modell spezifisch neu zu konzipieren – so geschah es auch seinerzeit im Falle des besonders preiswerten M3i. Ein simpel gehaltener Technologietransfer, bei dem beispielsweise lediglich weniger streng selektierte Bauteile Verwendung finden, kommt für Antony Michaelson und sein Team nicht in Frage, denn alle Parameter wollen fein austariert und harmonisch aufeinander abgestimmt sein. Mit dieser aufwendigen Arbeitsweise gelangten sie auch zu dem Schluss, dass die im Einzelfall genau passende Dimensionierung des Trafos vitale Bedeutung hat und ein noch größeres Exemplar nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen führt. Diesem ganzheitlichen Ansatz gibt man in Wembley freilich keinen geheimnisvollen Anstrich, statt dessen betonen die Verantwortlichen, dass sie schlicht grundsolides Handwerk betreiben und dieses immer weiter perfektionieren wollen. Die rund dreihundert in Deutschland verfügbaren, neu aufgelegten M3i entsprechen jedoch bis ins kleinste Detail dem ursprünglichen Modell, sodass sich nun die Chance bietet, zu erkunden, was das Gerätekonzept klanglich ausmacht.
Dazu nahm der M3i auf seinen eigenen Füßen stehend in meinem Rack Platz, mit dem zugehörigen Standard-Netzkabel an das Stromnetz angeschlossen. Geräte jedweder Bauart und Preisklasse sollten genau so – auch ohne irgendeine zusätzliche Tuning-Maßnahme – klanglich überzeugen; einer derart preiswerten Komponente wie dem M3i beispielsweise ein besseres Netzkabel angedeihen zu lassen, kann zudem schnell preislich außer Verhältnis geraten. Daher blieb der M3i von Experimenten verschont und durfte lediglich erst einmal warm werden, mit einer leise eingestellten Jazz-Playlist. Doch kalt aus dem Karton frisch angeschlossen brauchte er nur wenige Augenblicke, um ein Déjà-vu hervorzurufen: Ich saß nicht einmal auf dem Hörplatz, doch der M3i forderte mich eindringlich auf, ihm seine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Da war sie wieder, diese anfängliche Irritation, die während meiner HiFi-Anfänge schon der A1 ausgelöst hatte. Wenigstens fällt mir heute eine Charakterisierung der Spielweise leichter, obgleich sich der M3i fabelhaft darauf versteht, immer wieder von analytischem Hören abzulenken. Er spielt aus dem Stand heraus überaus involvierend; wenn er nach kaum einer Viertelstunde ganz auf Touren gekommen ist, wird das Klangbild noch flüssiger und homogener. Seine Darbietung kennzeichnet vor allem ein faszinierender Fokus auf Timing, der M3i nimmt sich angemessen Zeit und zelebriert die Pausen zwischen den Noten. Musikstücke wirken über diesen Verstärker gehört auf seltsame Weise wie von einem Stressfaktor befreit und so passioniert inszeniert, dass sie tatsächlich länger zu dauern scheinen. Der M3i kostet bei »Fix You« die Momente voller Hingabe aus, legt dem Hörer jede von Emilie-Claire Barlow gesungene Silbe eindrücklich dar. Die Stimmabbildung gelingt dabei richtig proportioniert und sehr natürlich, aber ist der M3i vielleicht doch etwas zu gemächlich unterwegs?
Eine wesentlich temporeichere Komposition kann darüber Aufschluss geben: »When You Wish Upon A Star« aus dem aktuellen Album »Living In Twilight« von Ariel Pocock. Die Jazz-Sängerin und Pianistin aus North Carolina wird hier von Adrian Vedady am Bass und Jim Doxas am Schlagzeug begleitet; das Tempo der Melodie steigert sich anfangs nur ein wenig, doch in der Mitte des Titels spornen sich die drei Musiker gegenseitig zu immer schnellerem Spiel an. Während dieser ausgelassenen Session verschleift der M3i keinen einzigen Tastenanschlag, folgt jedem flotten Strich mit dem Besen und über die Saiten. Dabei gibt er dank seines bemerkenswerten Auflösungsvermögens auch dem Nuancenreichtum, dem Verklingen, Sprühen und Schnarren der Instrumente Raum. Im Mitteltonspektrum lebt der M3i seine Liebe zum Detail besonders aus, differenziert sehr fein und klingt dabei stets luftig-offen.