Wer sich mit hochwertigem HiFi beschäftigt, begegnet immer wieder derselben Frage: Wann gilt ein Produkt eigentlich als fertig entwickelt? Die Antwort lautet meist: nie. Denn selbst dort, wo eine technische Aufgabe längst gelöst scheint, finden Entwickler immer wieder Bereiche, die sich weiter optimieren lassen. Ein Lautsprecher spielt tiefer und trockener als sein Vorgänger. Ein Verstärker liefert mehr Leistung und spielt besser auf den Punkt. Ein Plattenspieler läuft gleichmäßiger. Solche Fortschritte sind vergleichsweise leicht nachvollziehbar. Sie folgen einer klaren technischen Logik und machen unmittelbar deutlich, woran Entwickler gearbeitet haben. Je weiter sich eine Technologie jedoch entwickelt, desto kleiner werden die Schritte. Irgendwann geht es nicht mehr darum, offensichtliche Schwächen zu beseitigen. Stattdessen beginnt die Suche nach den letzten Prozentpunkten, wenn nicht sogar Zehnteln, und damit nach Lösungen für Probleme, die viele Menschen nicht einmal wahrnehmen würden, wenn man sie ihnen nicht zeigt.
Genau an diesem Punkt bewegen sich hochwertige Audio-Kabel seit vielen Jahren. Die grundlegenden Aufgaben sind längst erfüllt. Musiksignale zuverlässig von A nach B zu transportieren, stellt heute keine besondere Herausforderung mehr dar. Die eigentliche Entwicklungsarbeit findet inzwischen in Bereichen statt, die deutlich weniger sichtbar sind. Materialeigenschaften, Leitergeometrien, Übergänge und Fertigungsdetails rücken in den Mittelpunkt. Für Hersteller bedeutet das eine besondere Herausforderung. Denn je kleiner die Unterschiede werden, desto größer wird der Aufwand, überhaupt noch Fortschritte zu erzielen. Kimber Kable beschäftigt sich mit dieser Aufgabe seit beinahe fünf Jahrzehnten. Ein Teil der notwendigen Änderungen in der Entwicklung spiegelt sich übrigens im mittlerweile stattlichen Park an Messgeräten wider.
Die neue Neo-Serie zeigt, wie weit diese Entwicklung inzwischen reicht. Statt eine bestehende Konstruktion lediglich zu verfeinern, haben die Amerikaner zahlreiche Erfahrungen aus früheren Entwicklungen zusammengeführt und in ein vollständig neues Analogkabel einfließen lassen. Das Ergebnis sind drei Modelle, die auf derselben konstruktiven Basis aufbauen, sich jedoch durch die verwendeten Materialien unterscheiden. Für diesen Bericht standen mir das Neo-CU und das Neo-HB zur Verfügung. Beide Kabel nutzen eine zweilagige Flechtkonstruktion, die zu den aufwendigsten gehört, die Kimber bislang bei einem Analogkabel eingesetzt hat. Im Zentrum verlaufen acht Signalleiter, bestehend aus jeweils vier Massivleitern und vier Litzenleitern. Darum herum liegt eine weitere Flechtstruktur aus acht Leitern für Masse und Abschirmung. Auffällig ist dabei, dass Kimber erstmals bei einem Analogkabel Massiv- und Litzenleiter innerhalb derselben Konstruktion kombiniert. Damit übernimmt die Neo-Serie einen technischen Ansatz, der bislang den »Select«-Lautsprecherkabeln des Hauses vorbehalten war.