Zwei Jahre vor seinem tragischen Tod 2018 veröffentlichte der Isländer Jóhann Jóhannsson das Album »Orphée«, eine musikalische Reise, die den Alltag unmittelbar verschwinden lässt. Dieser Canor-Verstärker webt einzelne Tonfäden zu einem dichten Klangteppich. Bei aller Unaufgeregtheit der Musik kommt ein faszinierend tiefer Bass hinzu, voluminös und tendenziell abgerundet, was so vielleicht nicht ganz im Sinne des Erfinders war, sich aber wunderbar anhört. Als Hörer nimmt einen die Musik gefangen, und so wird man im folgenden Titel »A Song For Europa« von einer Kinderstimme empfangen, die aus den Weiten des Alls zu kommen scheint, gefolgt von Streichern, die klangfarbenrichtig den direkten Weg unter die Haut finden – das ist tonale Intensität auf höchstem Niveau. Verglichen mit unserem bewähren Canor AI 2.10 ist das, was der Virtus I2 liefert, mit »traumhaft« richtig beschrieben.
Manfred Eichers Label ECM ist ein Garant für klangliche und musikalische Kultur. Häufig bekommen wir Musik zu hören, die die Gedankenwelt ihrer Hörer in menschenfreie, weitläufige Naturlandschaften transportiert. Das funktioniert umso besser, wenn die HiFi-Anlage richtig abgestimmt ist. Abstimmung ist das Stichwort, denn der Virtus I2 bietet für die Verstärkung zwei Einstellungen, zwischen denen man hin- und herschalten kann. Das Album »Northbound« der Finnin Iro Haarla eignet sich hervorragend, um die Unterschiede zu hören. So klingen die Töne und der Nachhall des Klaviers beim Titel »With Thanksgiving« in der Version »Triode« sanft, der Nachhall schwebt und ebbt naturgetreu ab. Nach dem Umschalten auf »Ultralinear« wirkt das Geschehen sofort fokussierter, gleichzeitig rückt diese stillere Art von Musik aber ein Stück weiter vom Hörer weg. Ja richtig, die Töne sind klarer, die Anschläge der Tasten genauer zu verfolgen, aber dennoch bevorzuge ich bei dieser Musik ganz klar die Triode.
Ganz anders geht es mir mit Ed Motta: Sein aktuelles Album »Behind The Tea Chronicles« ist Ausdruck purer Lebensfreude. Der Song »Slumberland« besticht mit seiner exzellenten Klangqualität. Neben der sauberen Stimmwiedergabe bereitet aber vor allem die groovende Basslinie große Freude. Im Ultralinear-Modus geht es jetzt kraftvoll und vor allem dynamisch beeindruckend zu Werke. Langsam dämmert uns aber, dass die Performance dieses Vollverstärkers nicht zu seiner Preisklasse passt, denn klanglich vergleichbare Modelle des Wettbewerbs tragen teilweise sogar deutlich höhere Preisschilder mit sich herum. Aber das war und ist schon immer Teil der Preispolitik im Hause Canor gewesen.
Vollverstärker dieses Schlages sollten nicht mit Standard-Netzleitungen betrieben werden, man verschenkt einfach zu viel des vorhandenen Potentials. Im Falle des Virtus I2 bringt schon der Einsatz des QED XT5 eine Menge. Doch welches Klangpotential da tatsächlich schlummert, wurde erst mit dem IsoTek Optimum und dem Album »Altamira« hundertprozentig klar, das Mark Knopfler 2016 mit der Percussionistin Evelyn Glennie eingespielt hat. Wer es nicht kennt, sollte es sich unbedingt einmal anhören, denn es bietet Genuss sowohl in musikalischer als auch klanglicher Hinsicht. Schon der Auftakt mit dem Track »Altamira« rechtfertigt binnen Sekunden den Einsatz des IsoTek-Netzkabels. Die Gitarre erklingt jetzt mit deutlich mehr Luft zwischen den Lautsprechern, das Instrument wird klarer »sichtbar«. Anschließend kann man sich wieder voll und ganz auf das Hören der Musik einlassen. Beim Titel »Onward« demonstriert der Virtus I2 sein exzellentes Auflösungsvermögen und bei der Kombination aus Knopflers Gitarre und einem Xylophon ein weiteres Mal seine klangliche Extraklasse.