Es gibt keinen Bereich in der High Fidelity, wo die Zahl der Anbieter und somit die Auswahl für den Kunden so groß ist wie bei den Schallwandlern. Im Umkehrschluss bedeutet es aber auch: wer sich als neuer Hersteller hier etablieren möchte, sollte technisch und optisch einen spezifischen Mehrwert bieten, der anderenorts nicht bereits abgedeckt wird. Mit einem »Me Too«-Produkt wird man es als Newcomer in diesem Markt schwer haben, sich dauerhaft zu etablieren. Diese Erkenntnis hat sich eindeutig bis nach Lettland herumgesprochen. Denn eines darf ich gleich zu Beginn feststellen: Aretai macht manches anders. 

Die Firma wurde 2018 gegründet, nachdem man sieben Jahre in die Entwicklung der Lautsprecher gesteckt hatte. Seit sich Aretai im Jahr 2019 mit einem Prototyp des Topmodells Contra 350F erstmals auf der »High End« präsentierte, sind die Balten konsequent ihren Weg gegangen. Inzwischen offeriert die Marke aus Riga eine aus drei Typen bestehende Reihe, die konstruktiv interessante Ansätze verfolgt und optisch höchsten Ansprüchen genügt. Als Ziel ausgerufen ist ein klarer und transparenter, aber gleichsam robuster und vor allem natürlicher »Northern Sound«. 

Aretai wird von zwei Personen geleitet, die jeder einen Teilbereich verantworten: Janis Irbe (Technik) und Edgar Zvirgzdins (Design). Irbe hat die klassische Historie eines Lautsprecherentwicklers: Schon als junger Mann war er mit dem Klang seiner gekauften Boxen unzufrieden und begann diese zu modifizieren. Schritt für Schritt arbeitete er sich tiefer in die Materie ein, wobei ihm nach eigener Aussage das intensive Studium jeglicher Grundlagenliteratur zu Akustik und Lautsprechertechnologie – gerne aus dem Fundus der Audio Engineering Society (AES) – eine große Hilfe war. Ebenfalls von Bedeutung für die Entwicklung bei Aretai sind laut Janis Irbe die Forschungsergebnisse über die Interaktion von Lautsprechern und Raum sowie das menschliche Hören generell. Als ehemaliger Chorsänger mit vierzehn Jahren Erfahrung in den beiden bekanntesten Chören Lettlands verfügt er über das geschulte Gehör, nicht nur nach rein technischen Aspekten zu entwickeln, sondern die Natürlichkeit des Klangbilds in das Zentrum seiner Beurteilungen zu stellen. 

Die gestalterische Umsetzung obliegt seinem Kompagnon Zvirgzdins, dessen prägende Einflüsse von Bauhaus und Braun gemäß Dieter Rams sich mit dem nordischen Design-Verständnis einer zwar markanten, sich der Funktion aber beugenden und zum Umfeld integrativen Form bestens verbinden. Der hier für den Testbericht eingetroffene kleinste Kandidat der Marke ist ein Musterbeispiel für solche Gestaltungsideale: Jener Contra 100S wirkt schlicht, hat aber gleichsam Charakter. Dieser wird am augenscheinlichsten vermittelt durch den zum minimalistisch inszenierten Basisgehäuse farblich und formal kontrastierenden Aufsatz des Hochtöners. Der nicht nur obenauf thront, wie es manche Hersteller bereits vorgelebt haben. Vielmehr ist er teilweise in das Kerngehäuse eingebettet. Das ist nur das offensichtlichste Beispiel für die Entscheidung des Designers, nicht den pragmatischen, sondern den eigenen Weg zu gehen. Auch wenn es der schwierigere ist. Aus der gleichen Denkweise resultiert die Tatsache, dass an dem gesamten Lautsprecher im Betrieb keine Schrauben sichtbar sind. Auch dadurch wirkt der Contra 100S durchweg harmonisch und aufgeräumt in seinem Auftritt. Diese inspirierte Gestaltung wurde durch die Juroren des renommierten »Red-Dot-Award« gewürdigt, welche das Design von Aretai im Jahr 2022 auszeichneten.
Die Sorgsamkeit jedes Detail unter optischen wie akustischen Aspekten neu zu konzipieren, zeigt sich auch beim mit viscoelastischem Material versehenen Entkopplungselement am Boden der Box. Es ist etwas geringer im Umfang als der Korpus selbst, wodurch der Lautsprecher eine fast schwebende Luftigkeit ausstrahlt. Blickt man von der Seite auf den Contra 100S, fällt der gering nach hinten abfallende Winkel auf, der wiederum Einfluss auf das Abstrahlverhalten nimmt. Gestaltung und Akustik gehen bei den Aretai-Schallwandlern Hand in Hand.