Der Vollverstärker A6 ist – in dieser Preisklasse durchaus eine Seltenheit – ein reinrassiger Doppel-Mono-Aufbau. Lediglich die Netzbuchse müssen sich die beiden Verstärkerzüge teilen. Wie der deutsche Vertrieb erläuterte, sind sämtliche Verstärkerschaltungen symmetrisch aufgebaut, eingehende Signale werden direkt hinter den Cinchbuchsen symmetriert. Schade, dass es nicht noch für ein Paar XLR-Buchsen gereicht hat. Behalten wir allerdings den Preis im Blick, ist das schon wieder in Ordnung – wir meckern hier auf höchstem Niveau. Im Innern wurde mit viel Liebe zum Detail gearbeitet: Die Elkos der Siebung sind mit einer kleinen Kunststoffkonstruktion stabilisiert und bedämpft, zur Gleichrichtung kommen edle Schottky-Dioden zum Einsatz. Ferner wurden sämtliche Schaltungen, so berichtet der Hersteller, zum Erreichen einer besonders hohen Signalverarbeitungsgeschwindigkeit extrem breitbandig ausgelegt. Auch ein Phonoboard ist mit im Paket, es können allerdings lediglich MM-Systeme angeschlossen werden.
Der CD/SACD-Player D6 ist mit ähnlicher Sorgfalt konstruiert. Besonderes Augenmerk legte Pioneer bei der Entwicklung auf eine hohe Taktgenauigkeit in der digitalen Signalverarbeitung und widmete der völlig neuen Master Clock entsprechende Fürsorge. Auch dies ist wieder ein Schritt, der angesichts der Beteiligung von Studioprofis nicht weiter verwundert. Der mit 192 Kilohertz Frequenz und einer Wortlänge von 24 Bit arbeitende Wandler von Burr Brown ist wiederum ein solides Arbeitstier, das auch in vielen professionellen Gerätschaften zum Einsatz kommt. Auch hier wurde an vielen Stellen mit Fürsorge und Detailfreude kompensiert, was das Budget nicht mehr hergab.
Als erste CD legte ich eine Nonesuch-Produktion von Bill Frisell in den Player. Nach den ersten zwei, eher zaghaften Tönen öffnete sich ein riesiger Raum, die verschiedenen Effekte wanderten durch das Panorama, die unterschiedlichen Instrumente entwickelten mühelos die ihnen eigenen Klänge – und ich war platt. Okay, ich habe meine Erwartungen gehabt, wähnte mich damit auf der sicheren Seite – und nun das! Also folgte ich schnell dem Rat des Kollegen und aktivierte bei beiden Geräten den »Pure Audio«-Modus, der alle nicht für das Musikhören relevanten Schaltkreise stilllegt. Die Bühne vergrößerte sich nun deutlich, die Musiker rückten ein wenig voneinander ab. Auch die Auflösung in den Höhen gewann, wie man an den nun immens schillernden Obertönen der Gitarren hören könnte. Und überhaupt wirkte die gesamte Darbietung etwas weniger körnig – wobei mir diese Rauheit vorher gar nicht aufgefallen war. Insgesamt war nun eindeutig mehr Energie im Spiel.
Ich erlebte mit den beiden Pioneers also den ersten »Direct«-Schalter meiner HiFi-Laufbahn, der wirklich etwas bringt. Kompliment! In der Folge hörte ich weiter voller Begeisterung »Ghost Town« von Bill Frisell und freute mich, dass es Verstärker und Player um 1.000 Euro gibt, die Musik schon so glaubhaft und subjektiv »echt« auf die imaginäre Bühne stellen können. Doch halt: Was die Preise angeht, war ich ja wie schon gesagt auf dem Holzweg. Von Pioneer-Produktmanager Jürgen Timm erfuhr ich, dass beide Geräte zusammen für diesen Preis zu haben sind, den ich bei einem alleine schon für sehr günstig erachtet hätte. Mein Respekt wuchs – und zugleich auch mein Misstrauen, denn irgendwo muss es doch bei Geräten dieser Preisklasse auch Schattenseiten geben. Nur wo? Ich machte mich also auf die Suche.
An den kleinen, feinen und nicht zu einfach zu bedienenden Spendor 3/5SE sollten die beiden Pioneers mit großorchestraler Kost ihre Problemzonen offenbaren. Die fünfte Sinfonie von Anton Bruckner in der guten RCA-Einspielung mit Günter Wand und den Berliner Philharmonikern ist immer wieder ein böser Stolperstein für Stereoanlagen aller möglichen Qualitätsstufen. Schon die ersten, von den Kontrabässen gezupften Töne scheiden oftmals die Spreu vom Weizen. Sind dies einfach nur tiefe Töne irgendwo rechts – ganz schlecht! Eine Stufe besser wird es, wenn die Bässe als Gruppe sauber sortiert im Raum stehen und nicht nur in der Breite, sondern auch der Tiefe der Bühne zu lokalisieren sind. Das nächste Level ist erreicht, wenn man auch noch Klangfarben unterscheiden kann. Spielen die Bässe darüber hinaus auch noch eine spannende Linie mit einem klar verständlichen interpretatorischen Ziel, tut sich der Himmel auf. A6 und D6 meisterten in dieser Disziplin an den Spendors eine durchaus spektakuläre Position zwischen den höchsten beiden Stufen. Und spätestens jetzt war mir klar, dass sich die beiden Komponenten weit über dem bewegen, was man sonst in dieser Preisklasse zu hören bekommt.