Die HIGH END hat nach über zwei Jahrzehnten ihre Münchner Heimat verlassen und in Wien ein neues Zuhause gefunden. Anfang Juni öffnete das Austria Center Vienna erstmals seine Türen für die bedeutendste Messe der hochwertigen Audio-Wiedergabe. Wer das bisherige Messe-Domizil MOC in München kennt, bemerkt sofort gravierende Unterschiede: mehr Raum, mehr Licht, mehr Luft. Gleichzeitig verlangt die neue Umgebung eine gewisse Orientierungsphase. Zwar helfen die Messe-App und der allgegenwärtige Katalog des Veranstalters zuverlässig dabei, den gewünschten Aussteller zu finden, doch schon nach wenigen Stunden wird klar: Selbst vier Messetage reichen in dem riesigen Messezentrum kaum aus, um alle Neuheiten zu entdecken – geschweige denn, sie in Ruhe anzuhören.
Und genau darin liegt die Besonderheit dieser Veranstaltung, und das muss noch einmal betont werden: Die HIGH END ist keine primäre Messe für Augenmenschen. Sie will die perfekte Veranstaltung für Ohrenmenschen sein. Wer Klangvergleiche anhand von Smartphone-Videos oder YouTube-Aufnahmen durchführen möchte, verlässt den Boden jeder audiophilen Vernunft. Die Zielgruppe hochwertiger Musikwiedergabe sind Menschen, die hören wollen – nicht Menschen, die Lautsprechergehäuse und Verstärker nach ihrer Instagram-Tauglichkeit bewerten.
Wer durch die Gänge des Austria Center Vienna streift, begegnet einer faszinierenden Mischung aus Ingenieurskunst, Designobjekten und audiophilen Träumen. Über mehrere Ebenen verteilt, präsentieren Hersteller aus aller Welt Lautsprecher, Verstärker, Plattenspieler, Streaming-Lösungen und Zubehör für jeden Anspruch und nahezu jedes Budget. Das neue Messegelände wirkt großzügig und offen. Die breiten Flure verhindern Staus, die Glasflächen sorgen für eine angenehme, helle Atmosphäre, und die zahlreichen Vorführräume verteilen die Besucherströme besser, als wir das aus München gewohnt waren. Gleichzeitig offenbart die Größe des Geländes eine der zentralen Herausforderungen: Die Wege sind länger geworden, und die Vielzahl der Aussteller macht es nahezu unmöglich, einen vollständigen Überblick zu gewinnen. Gut, dass wir als Team vor Ort waren.
Auch die HIGH END 2026 zeigte einmal mehr, dass hohe Preise allein weder technische Exzellenz noch musikalische Überzeugungskraft garantieren. Einige der spektakulärsten Installationen beeindruckten zwar durch Größe, Materialeinsatz und Preisetikett, ließen aber bei der eigentlichen Kernkompetenz – der glaubwürdigen Wiedergabe von Musik – Fragen offen.
Besonders deutlich wurde dies bei der Auswahl der Vorführmusik. Elektronische Produktionen mit tiefreichenden Bässen, imposanten Dynamiksprüngen und spektakulären Effekten können zweifellos beeindrucken. Doch nicht jede Anlage profitiert davon, ausschließlich mit »Rumms und Bumms« vorgeführt zu werden. Gerade bei Komponenten, die höchste Ansprüche reklamieren, wären Aufnahmen mit natürlichen Schallquellen die weitaus spannendere Wahl gewesen. Warum nicht die Musik der diesjährigen Markenbotschafterin Dominique Fils-Aimé einsetzen? Warum nicht den Standort Wien aufgreifen und Werke aus der Strauss-Dynastie oder andere klassische Aufnahmen präsentieren? Wer behauptet, den Klang eines Orchesters oder einer Stimme authentisch reproduzieren zu können, sollte genau das auch demonstrieren.
Trotz der kritischen Anmerkungen überwog in Wien jedoch der positive Eindruck. Die Branche präsentierte sich innovationsfreudig, viele Hersteller nutzten die Premiere am neuen Standort für die Präsentation von Produktneuheiten, und die Besucherzahlen dokumentieren reges Interesse. Etablierte Weltmarken, spezialisierte Manufakturen und überraschende Newcomer zeigten ein breites Spektrum klingender Möglichkeiten.
Auffällig waren zudem die zahlreichen staunenden Gesichter. Man kann dieses Staunen unterschiedlich interpretieren: als ehrliche Begeisterung über technische Höchstleistungen, als Faszination angesichts außergewöhnlicher Designs oder als Verwunderung über Preisetiketten, die teilweise eher an Immobilienanzeigen als an Unterhaltungselektronik erinnerten. Wahrscheinlich steckt von allem etwas darin.
Fest steht: Die HIGH END hat ihren Einstand in Wien erfolgreich absolviert. Das Austria Center Vienna bietet für eine internationale Business-Messe hervorragende Voraussetzungen – nach München möchte wohl nach dieser Premiere keiner mehr zurückkehren. Und für Musikliebhaber bleibt diese Veranstaltung nach wie vor der wichtigste Pflichttermin des Jahres, auch wenn in Sachen Musik und audiophiler Wiedergabe durchaus noch Luft nach oben ist. i-fidelity.net dokumentiert den Rundgang auf den folgenden Seiten mit mehr als hundert Fotos ...