Beginnen wir gleich mit dem wichtigsten Punkt für den Veranstalter: In diesem Jahr wird die High End 30 Jahre alt. Eine stolze Leistung, vor allem weil im Kontext der Berichterstattung so viel Wert auf das Wort »unterbrechungsfrei« gelegt wird. Schaut man in unsere Nachbarländer, findet man dort natürlich auch Audio-Shows unterschiedlicher Prägung, aber von vergleichbarem Bestand ist bisher keine andere gewesen. Die Qualität liegt in der Kontinuität.
Folgt man dem Gedanken »drei Jahrzehnte ohne Unterbrechung«, stellt sich parallel natürlich die Frage nach dem Inhalt, also nach dem, wie viel Leistung auf dieser Leistungsschau noch gezeigt wird. Die Antwort: Für normale Besucher zu wenig – und das scheinen auch alle zu wissen. Da nützen die Aufrufe in Print- und Webmagazinen vorher und die Kritik hinterher rein gar nichts. Die High End ist eine, wenn nicht sogar die Business-Messe für hochwertige Unterhaltungselektronik. Deshalb wäre es anständig, dieses Faktum den erwartungsfrohen Besuchern auch mitzuteilen, die ausschließlich zum Zwecke des Genusses nach München eilen und dann vielerorts bitter enttäuscht werden.
Es ist sicher allgemeiner Wunsch, dass sowohl Aussteller als auch Besucher die High End mit zufriedenen Gesichtern verlassen. Und das gilt auch und gerade für die zahlenden Endkunden. Wer das Gespräch mit ihnen suchte, stieß allerdings ein breites Meinungsspektrum. So waren die einen von ihren Eindrücken überwältigt: »Uns war gar nicht klar, welch große und teure Lautsprecher es auf dem Markt gibt, sagenhaft«; »Ich bin immer wieder erstaunt darüber, was inzwischen auch preiswerte High-End-Systeme leisten können.«
Es gab aber auch die andere, die enttäuschte Gruppe: »Ich bin erstaunt, dass der ein oder andere Hersteller offenbar gar nicht weiß, was hochwertige Musikwiedergabe wirklich bedeutet« oder »Ich liebe mein HiFi-Hobby und weiß, dass unser Leben von Tag zu Tag teurer wird, aber was sich auf dieser Messe mancher Aussteller in punkto Verkaufspreise vorstellt, ist absurd. Und noch mehr ärgere ich mich darüber, dass die Herren auch noch glauben, wir, die Kunden, würden das nicht bemerken.« Sehr stark wiegt bei den Enttäuschten auch das Argument, dass Firmen wie Accuphase, Bowers & Wilkins, Mark Levinson, McIntosh, Martin Logan, Pass und weitere gar nicht nach München kommen.
Nimmt man die Bandbreite der Reaktionen des Publikums, kann man sie wohl zu Recht als bunt beschreiben. Bleiben wir mal beim wichtigsten Punkt, der Klangqualität. Es hat den Anschein, dass die Mode auch im High-End-Bereich inzwischen das Maß der Dinge ist. Da auf der CES in Las Vegas schon sehr viele Rechner, iPhones und iPods zu sehen waren, lag die Erwartung nahe, dass auch die High End in München wesentlich von dieser Technik geprägt sein würde. Die gute Nachricht lautet, dass es einige Hersteller und Vertriebe gibt, die mit Netzwerk- und Streamingtechnik auch klanglich umgehen können, aber eben bei weitem nicht alle.
Die eigentlich schlechte Nachricht ist allerdings, dass mancher die »Streaming-Festplatten-Tütensuppe« als frisch zubereitet verkaufen wollte. Das geht nicht! So kommen wir nicht weiter, sondern zum Ende der Thematik hochwertige Musikwiedergabe. Natürlich ist es schön, seine Musiksammlung komfortabel zu verwalten. Es ist auch absolut glaubhaft, dass Nutzer dieser Bibliothekstechnik Stein und Bein schwören, nie zuvor so viel Musik gehört zu haben – auch das ist selbstverständlich klasse. Aber wenn dann in einer Vorführung ein zu Tränen rührendes Stück von der Festplatte gespielt wird und das Publikum verzückt lächelnd vor dem System sitzt, dann sollte auch dem Letzten klar sein, dass hier etwas nicht stimmt. Die musikalische Nachricht kommt nicht an – und das hat nicht unbedingt etwas mit dem Terminus »Klangqualität« zu tun.
Damit wir uns nicht falsch verstehen. Bei i-fidelity.net hat niemand etwas gegen Musik von der Festplatte. Für uns ist das Musik-transportierende Medium wirklich nur zweitrangig. Primär muss die Botschaft der Musik vermittelt werden, also das, was Sprache nicht mehr auszudrücken vermag. Gute HiFi-Anlagen übermitteln Emotionen, und darauf kommt es an. Wer sich dieses Wissen zu eigen macht, sichert sich den Zuspruch musikbegeisterter Kunden auf Jahre.
Auf den folgenden Seiten finden Sie zahlreiche Bilder, die i-fidelity.net mit Bedacht ausgewählt hat. Sie sollen Ihnen einen Eindruck von der High End 2011 geben. Wenn Sie uns Ihren Kommentar zur Messe zukommen lassen möchten, können Sie das an lesermeinung(at)i-fidelity.net tun. Eine Auswahl Ihrer Ansichten werden wir dann im Anschluss an den Bericht veröffentlichen.