Der Wegweisende

Auf den ersten Blick mag der neue Burmester 232 wie ein gewöhnlicher Vollverstärker erscheinen. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart er sich als wahres Meisterwerk der Innovationen. Ist er damit richtungsweisend für High-End-Audio im 21. Jahrhundert?

Bei der High-End-Manufaktur Burmester ticken die Uhren anders, vielleicht wirkt manches sogar aus der Zeit gefallen. Doch fraglos existiert ein Spannungsbogen, der von der Gründung des Unternehmens im Jahr 1977 über die Gegenwart bis in die Zukunft reicht. Weltweit schätzen Kunden die exzellente Klangqualität, die hohe Lebenserwartung und die bemerkenswerte Wertstabilität der Komponenten und Lautsprecher aus Berlin. Insbesondere Letzteres kann kaum eine andere HiFi-Marke in diesem Maße für sich in Anspruch nehmen. Damit dieses auf Langzeitstabilität ausgelegte System funktionieren kann, muss ein neues Burmester-Produkt bei Markteinführung seiner Zeit voraus sein – sowohl in puncto Technologie als auch Bedienkomfort. Wie man diesen Anspruch in absoluter Perfektion umsetzt, zeigt der neue Vollverstärker 232. Das Typenschild verrät rückwärts gelesen sein »Geburtsdatum« im Februar 2023 – eine Tradition bei Burmester. Die Zeit bis zur Markteinführung des monumentalen Amps in diesem Frühjahr ist keineswegs durch Trödelei entstanden, sondern dem Umstand geschuldet, dass 99 Prozent auf dem Weg zum Ziel bei Burmester nicht ausreichen. Der letzte Prozentpunkt frisst die meiste Zeit, die meisten Nerven und dazu auch noch sehr viel Geld. 

Das Erste, was am 232 ins Auge fällt, ist die neue, elegante Designsprache des in schwarzer und silberner Ausführung lieferbaren Verstärkers. Wer ein anderes Erscheinungsbild wünscht, kann sich eine »Bespoke«, eine maßgeschneiderte individuelle Lösung in höchster Qualität fertigen lassen. Burmester hat den Mut gefasst, den traditionellen Stil des Hauses zu erneuern, ohne dabei die unverwechselbare DNA zu verlieren. Das Ergebnis ist ein modernes und zugleich zeitloses Erscheinungsbild, das sich harmonisch in unterschiedliche Wohnambientes einfügen lässt. Beeindruckend sind die sechs Kühlrippen links und rechts des Displays, wirken sie doch wie der Vorhang einer Bühne, was ja durchaus zum Thema passt. Dieses gerippte Kühlkörperprofil wurde durch aufwendige Finite-Elemente-Berechnungen optimiert und sorgt nicht nur für eine deutlich verbesserte Wärmeableitung, sondern wirkt bei Lichteinfall auch optisch lebendig und attraktiv. Dabei spielt die Blickrichtung übrigens eine untergeordnete Rolle, der Amp bleibt stets ansehnlich. Am soliden Gehäuse ist ferner keine einzige Schraube zu sehen, was dem ohnehin hohen Ästhetik-Level zusätzlich zugutekommt. Das zentral angeordnete Display zeigt sich im ausgeschalteten Zustand vollständig schwarz, ohne störende Resthelligkeit. Eingeschaltet ist es selbst aus einer Entfernung von drei Metern noch gut lesbar. 

Technisch basiert der 232 auf einem durchdachten Doppel-Mono-Aufbau. Das Herzstück bildet ein großzügig dimensionierter Ringkerntransformator mit separaten Wicklungen für beide Kanäle – eine Lösung, die Kanalübersprechen minimiert und selbst bei hohen Lasten für eine stabile Spannungsversorgung sorgt. Die Kondensatorbank für die Endstufen fasst beeindruckende 80.000 Mikrofarad. Das ist ausreichend, um auch an leistungshungrigen Lautsprechern ein dynamisches Feuerwerk abzubrennen. Die Verstärkerschaltung orientiert sich am bewährten Konzept des Vollverstärker-Modells 082, wurde jedoch grundlegend überarbeitet. Besonders die Eingangsstufen erfuhren eine Modernisierung, da die schwindende Qualität verfügbarer analoger Bauteile neue Lösungsansätze erforderte. Burmester selektiert alle kritischen Bauteile im Haus – ein Aufwand, der sich in der außerordentlichen Serienkonstanz der Komponenten niederschlägt. Aber »Montagsgeräte« hat es bei Burmester ohnehin nie gegeben.

Wie ein »multifunktionales Schweizer Taschenmesser« – so beschreibt Burmester selbst den 232. Tatsächlich zeigt sich bei diesem Amp die Stärke eines modularen Konzepts in aller Deutlichkeit. In der Grundausstattung bietet der Verstärker zwei symmetrische XLR-Eingänge sowie entsprechende Ausgänge für Endstufen- und Subwoofer-Ansteuerung. Das optionale DAC-Modul erweitert die Möglichkeiten erheblich: HDMI-ARC, USB-Anschlüsse, optische und elektrische Digitaleingänge sowie Streaming-Funktionen via TIDAL Connect, Spotify Connect, Qobuz Connect und Apple AirPlay kommen hinzu. Die Wandlung des digitalen Materials erfolgt mit bis zu 32 Bit/768 Kilohertz – beste Rahmenbedingungen also, die auch in ferner Zukunft noch ausreichen dürften. Freunde des »schwarzen Goldes« dürften sich über das exzellente Phono-Modul freuen. Es basiert auf der Schaltung des legendären Burmester 100 und bietet variable Anpassungen von Eingangsverstärkung und -impedanz sowie einen zuschaltbaren Subsonic-Filter. 

Mehr als bedienungsfreundlich

Ein bemerkenswertes Bedienelement ist der adaptive Hapti-Control-Drehregler: Dank einer Flüssigkeit mit Metallpartikeln, deren Viskosität magnetisch verändert wird, passt sich das gefühlte Feedback der jeweiligen Funktion an. Das ist komfortabel und ein Genuss bei der Bedienung. Übrigens gewöhnt man sich sehr schnell daran, um dann bei der Bedienung von anderen Verstärkern schnell ein »von gestern Gefühl« zu erleben. Bei der Lautstärkeeinstellung zeigt das Display einen Kreis mit Pegelanzeige – so erkennt man auch aus dem Augenwinkel sofort die aktuell gewählte Lautstärke. Die neue »Burmester Conduct«-App spiegelt die Geräte-Navigation wider und ermöglicht die komfortable Steuerung vom Sofa aus. Nicht genutzte Eingänge lassen sich deaktivieren, Namen können individuell vergeben werden. Praktisch: Das Ausschalten muss bestätigt werden – das verhindert die versehentliche Abschaltung wirksam. 

Im i-fidelity.net-Hörraum warten als Spielpartner der Clearaudio-Plattenspieler Anniversary, dessen Unify-Tonarm mit dem MC-Tonabnehmer Stradivari V2 bestückt ist, ferner der SACD-Spieler Marantz SA-KI Pearl und der Lumin-Streamer T3x. Noch mal kurz zur Erinnerung: Ist das 232-DAC-Modul eingebaut, dann braucht es nicht zwingend eine externe Quelle. Begonnen haben wir mit der Wiedergabe von CDs per optischem Digitalkabel und parallel dazu über Cinch analog. Eva Cassidy intoniert »What A Wonderful World«, die analoge Verbindung ist klar und deutlich, die Stimme wird von der Wilson Benesch Horizon fokussiert abgebildet. Der Wechsel auf den 232 DAC offenbart dann eine spürbar bessere Detailabbildung. Die emotionale Komponente von Eva Cassidys Stimme und ihrer Musik findet auf unmittelbarem Weg zum Hörer. Ich kann mich nicht daran erinnern, diesen Titel schon einmal in einer solchen Direktheit gehört zu haben.

Beginnen wir die Streaming-Reise mit Jheena Lodwicks Titel »Perhaps Love« vom Album »All My Loving« (Tidal Connect). Bereits die ersten Gitarrentöne machen klar, dass hier ein überragender Verstärker am Werk ist. Schwebende Klaviertöne gesellen sich hinzu, dann kommt Lodwicks Stimme in aller Natürlichkeit. Dass der über den Nachhall entstehende Raum so eindrucksvoll projiziert wird, hatten wir nicht erwartet. Diese locker swingenden Töne erwecken nicht den Eindruck, als wäre dafür irgendeine Anstrengung notwendig. Von den üblichen Streaming-Ungereimtheiten wie spitzer Hochton und tendenziell blutleeres Klangbild ist hier nicht ein Hauch wahrnehmbar. Logisch, dass sich in der Folge die Frage stellt, wozu man noch externe Quellen benötigt. Sicher, wer CDs und LPs besitzt, möchte diese auch hören. 

Der Himmel auf Erden

Es war eine 300.000-Watt starke Machtdemonstration, die Pink Floyd bei der »Delicate Sound Of Thunder«-Tour in den 1980er-Jahren zeigte. Mitnichten ging es dabei nur um hohe Lautstärken, vielmehr bestand die Notwendigkeit darin, Titeln wie »Welcome To The Machine« den notwendigen Druck im Tieftonregister zu verpassen. Wer diese Konzerte live erlebt hat, wird erstaunt sein, wie nah der 232 der damaligen Performance kommt – obwohl dieser Amp doch »nur« zur »Classic Line« gehört. Breit fliegende Keyboardlinien über die gesamte Stereobreite, der pulsierende Rhythmus mit erheblichem Tieftonanteil und der souveräne, vor allem tadellos konturierte Druck ziehen den Hörer direkt in das Geschehen hinein – das kann durchaus rauschhafte Züge bekommen. Bei dieser Performance wird auch der teilnahmsloseste Geselle mitgenommen und das von i-fidelity.net wenig geschätzte »nebenbei Musikhören« ist einfach nicht möglich. 

Das Hören von Schallplatten ist eine einzigartige Form der Wertschätzung gegenüber dem Kulturgut Musik. Hier geht nichts auf Zuruf und schon gar nicht sekundenschnell, es bedarf der Vorbereitung. Als Belohnung wartet Genuss in mehr als einer Hinsicht. Fehlende Titelsprung- und Wechseloptionen sorgen dafür, dass mancher, der das ansonsten nicht schaffen würde, auch mal vier, fünf oder sechs Titel am Stück hört. Die analoge Wiedergabe strengt klanglich unabhängig von der Preisklasse des Set-ups nur in Ausnahmefällen an. Burmester-Ingenieure wissen um diese Tugend, weshalb sie dem 232 kein Pseudo-Phonoteil, sondern eine aufwendige »MC only«-Variante spendiert haben. Über die App kann die Eingangsimpedanz in praxistauglichen Werten gewählt werden. Der Clearaudio-Abtaster funktioniert einwandfrei bei 390 Ohm. 

Dann darf Joe Lovano loslegen. Schon über siebzig Jahre alt, versprüht der Amerikaner auf dem Album »Homage« dennoch pure Lebensfreude und Aufbruchstimmung. Bereits die ersten Klaviertöne auf »Love In The Garden«, gespielt von Marcin Wasilewski, sind farbstark und mit perfekter Klangfarbe versehen. Souverän gesellt sich Lovanos Saxophon hinzu, das alles räumlich gut voneinander separiert und absolut ortungsscharf. Was den 232 nicht nur bei dieser analogen Quelle auszeichnet, ist das hohe Maß an Durchhörbarkeit. Man hat nicht den ausschließlichen Eindruck, möglichst viel von dem, was auf der LP aufgezeichnet ist, zu hören, sondern eher, dass es wirklich hundert Prozent sind. Wer eine Schallplattensammlung besitzt, sollte sich das Phonomodul unbedingt gönnen. 

Interessant ist der Qualitätsunterschied zwischen den Zuspielwegen: Während Qobuz via AirPlay gestreamt eher nach normalem Radio klingt – nicht schlecht, aber weit von mitreißend entfernt –, ist Tidal Connect eine ganz andere Hausnummer. Jetzt bekommt der Bass bei »The Sadness In You, The Sadness In Me« seine Kraft, besser seine Durchschlagskraft, Suedes Stimme ist von Zellophan befreit. AirPlay bleibt eine Option, aber unter klanglichen Gesichtspunkten sind die Varianten Qobuz Connect und Tidal Connect zum Musikhören empfehlenswerter. Man wird sich mit dem 232 an den Gedanken gewöhnen müssen, dass ein High-End-Vollverstärker nicht mehr zwingend auf externe Zuspieler angewiesen ist – ein Abo bei einem der in Frage kommenden Streaming-Anbieter ist völlig ausreichend. 

Zum Abschluss gibt’s »Let's Dance« von David Bowie in der Coverversion von Mike Garson. Diese mit höchster Sorgfalt von Reference Recordings gemachte Aufnahme offenbart, dass es zwischen Garson und Bowie eine intensive Verflechtung gegeben haben muss. Im Jahr 1972 begann die Zusammenarbeit der beiden, gemeinsam gaben sie über tausend Konzerte und Garson hinterließ seine musikalischen Spuren auf mehr als 20 Alben von David Bowie. Auf »The Bowie Variations« spielt Mike Garson ein Yamaha Disklavier, welches die Möglichkeiten für faszinierende Klangüberlagerungen bietet. Aufgenommen wurde die Musik von Toningenieur Keith Johnson im »Center for the Performing Arts« in Kalifornien, und wenn nun der Burmester 232 für Wandlung und Verstärkung sorgt, kommt man dem realistischen Geschehen so nah wie nur möglich. Jede mikrodynamische Nuance, der schwebende Nachhall und der faszinierende Raumeindruck sorgen für ein Klangerlebnis, das wohltuenden Ausnahmecharakter besitzt. 

Ausstattung

Hersteller:   Burmester Audiosysteme GmbH

Modell:   232

Kategorie:   Vollverstärker (modular bestückbar)

Preise:

  • Verstärker 232 17.900 Euro
  • DAC-Modul 5.900 Euro
  • Phono-Modul 3.000 Euro

Garantie:   3 Jahre bei Registrierung

Ausgangsleistung
2 x 155 Watt (4 Ohm)
2 x 95 Watt (8 Ohm)
Herstellerangabe

Eingänge
2 x XLR

DAC-Modul

  • 1 x Cinch
  • 1 x Toslink
  • 1 x AES/EBU

Phono-Modul

  • 1 x XLR /MC mit sechsfach anpassbarer Impedanz

 

HDMI ARC
Ethernet
USB: 2 x USB-A, 1 x USB-C
BurLink
Remote

Ausgänge

  • Single-Wiring-Terminal für Lautsprecherkabel
  • 1 x Stereo-XLR (für externe Endstufe)
  • 1 x Subwoofer (Mono)

DAC-Modul

  • 1 x Cinch koaxial
  • 1 x Toslink optisch

Remote
Kopfhörer (6,3-mm-Buchse)

Quellen

  • Qobuz Connect
  • Tidal Connect
  • Apple AirPlay 2
  • Spotify Connect
  • Internetradio


Abmessungen (B x H x T):   45 × 17,7 × 48 cm

Gewicht:    29 kg 

 

Kontakt

Burmester Home Audio GmbH
Wilhelm-Kabus-Straße 47
10829 Berlin

Internet:   www.burmester.de

E-Mail:   mail@burmester.de

Telefon:   0 30 / 78 79 68 0

Testergebnis

Der Burmester 232 ist alles andere als einfach nur ein weiterer Vollverstärker – er ist ein Statement für die Zukunft des High-End-Audio. Die perfekte Symbiose aus bewährten analogen Werten und modernen digitalen Möglichkeiten, gepaart mit einer durchdachten Bedienphilosophie, macht ihn zum idealen Herzstück einer audiophilen Anlage. Wer bereit ist, in zukunftssichere Technologie zu investieren und  höchste Klangqualität erwartet, findet im 232 einen langjährigen, einen zuverlässigen Partner. Modulare Bauweise und Update-Möglichkeiten sorgen dafür, dass das Gerät auch in Jahren noch erweiterbar bleiben wird. Der Burmester 232 setzt neue Maßstäbe in der Vollverstärker-Klasse!   Olaf Sturm

Burmester 232
Preis: 17.900 Euro
Garantie: 3 Jahre (Registrierung erforderlich)
 
Burmester 232 DAC-Modul
Preis: 5.900 Euro
 
Burmester 232 Phono-MC-Modul
Preis: 3.000
überragend
sehr gut
überragend
überragend

TEST

Verstärker:
Burmester 232
Autor:
Olaf Sturm
Datum:
28.07.2025
Hersteller:
Burmester