Nein nein, datenreduzierte Musik, also MP-3-Files, kommen mir auch bei einem Kopfhörertest gar nicht erst in die Tüte. Die »Musikauswahl« muss einfach stimmen, um die Qualitäten einer Komponente – wie etwa des M500 – erkunden zu können. Auf ihn war ich auf der diesjährigen High End in München aufmerksam geworden, wo ihn die englische Nobel-Lautsprecherfirma KEF vorstellte. Das Unternehmen will sich im Kopfhörer-Segment einen Namen machen und hatte sein »Baby«, eben den M500, mit im Gepäck. Bereits der erste Blick auf das Abhör-Set offenbarte dessen Eyecatcher-Qualitäten. Mit dieser »Design-Strategie« rannten die KEF-Leute bei mir offene Türen ein – und so freute ich mich, als das »Objekt meiner Test-Begierde« bei mir eintraf.
»Stationär« passte mir da der Lehmannaudio Linear-SE-Kopfhörerverstärker bestens ins Konzept – ist er doch die amtierende i-fidelity.net-Referenz. Seine Verarbeitungsgüte spricht für sich, und hochwertige Materialien gehören bei ihm selbstredend zur Grundausstattung. Es sei hier nur an die Mogami-Innenverkabelung, das gekapselte Alps-Lautstärke-Poti, die audiophilen MKP-Kondensatoren und letztendlich an die SSC-Gerätefüße erinnert.
Das Styling des KEF M500 hätte der renommierte Industriedesigner Dieter Rams wohl auch nicht besser hinbekommen. Die Optik des Kopfhörers besticht durch eine einzigartige Formgebung und Ergonomie. Die ovalen Ohrmuschelkapseln sind in einer robusten Alu-Umfassung flexibel aufgehängt – das ist 1A-Wertarbeit. Die atmungsaktiven Ohrpolster sitzen äußerst angenehm. Durch ihre horizontalen und vertikalen Rotationsachsen legen sich die Abhörsysteme optimal an jede Ohrmuschel an. Der Kopfkontakt ist nicht nur einfach super, nein, er beeindruckt. Damit begeistert der M500 mit einem äußerst angenehmen Tragekomfort: Er ist kaum spürbar, und nach dem Abnehmen gibt es auch keinen »Memory-Effekt« – als hätte man das Ding nie aufgehabt.
Aber nicht nur Präzisionsarbeit und feinmechanisches Know-how kennzeichnen diesen Kopfhörer, auch in vielen anderen Details kann der KEF voll überzeugen. Schon das Zuleitungskabel wartet mit einigen durchdachten Besonderheiten auf: Mit 1,35 Meter Länge hinterlassen die Flachmaterialien im Aufbau einen superflexiblen Eindruck. Sie sind von einem speziellen Kautschuk ummantelt. Trotz dieser hochwertigen Schutzschicht beträgt der äußere Querschnitt gerade einmal 1,5 x 5 Millimeter. Beide Strippen-Enden sind jeweils mit 90° gewinkelten Klinkensteckern bestückt. Der integrierte Knickschutz ist von der Handhabung massiv und fingertauglich ausgeführt. Ein Leitungsende besitzt einen hartvergoldeten 2,5-Millimeter-Stecker, der mit seiner Ummantelung mit einem satten Klick in der Mitte des linken Hörergehäuses rückwärtig einmündet.
Die 3,5-Millimeter-Kupplung findet gegenseitig an der Verstärkerzuführung oder auch mittels oberflächenveredeltem Adapter (6,3 Millimeter vergoldet) an Kopfhörer-Amps Verbindung. Außerdem verhindert diese Flachkonstruktion die Knotenbildung und lästigen Kabelsalat, der sich im mobilen Einsatz oft gar nicht vermeiden lässt. Das Innenleben jeder Abhöreinheit beherbergt einen Mittel-Hochtontreiber und ist mit einem vier Zentimeter Tiefton-Resonanzkörper ausgestattet. In diesem sorgfältig konstruierten Antrieb sorgen verkupferte Aluminium-Schwingspulen und Neodym-Magneten in einer speziellen akustischen Absorber-Architektur für musikalischen Hochgenuss.
Der M500 kommt in einem halbrunden Reißverschluss-Hartschalen-Etui, ein spezieller Reise-Steckverbinder für das Flugzeug gehört ebenfalls zu Lieferumfang. Der Kopfhörer lässt sich um zwei Viskoseschenkel mittels Klettverschlüssen punktgenau platzieren. Entfernt man diese Abgrenzung, kann man zusätzlich auch ein iPhone samt Hülle (nicht im Lieferumfang) unterbringen. Das ist klasse gemacht, dennoch kann ich mir einen winzigen Kritikpunkt nicht verkneifen: Die im Kabel integrierte »Fernbedienung« sitzt mir persönlich zu nah am Kopf (wohl wegen des integrierten Mikrofons für den Telefon-Modus), das heißt, es gelingt mir kein direkter Blickkontakt zu den drei Bedienelementen. Hier ist also Fingerspitzengefühl, aber auch ein beherzter Druck erforderlich (die Schalterendkontakte sind sehr tief ausgeführt), um die gewünschte Aktion »Lautstärke +/-«, »Pause«, »Play« oder »Skip« durchführen zu können. Für alle, die diesen ganzen Remote-Krimskrams aber gar nicht benötigen, hat KEF ein zusätzliches Flachkabel beigelegt, das lediglich als Signalvermittler dient. Und das habe ich dann auch für den folgenden LP/CD-Marathon am Lehmannaudio Linear SE verwendet.
Bei der Musikauswahl entschied ich mich für Willy deVilles Vinyl-Doppelalbum »Unplugged In Berlin« und für die King's Singers mit ihren herrlichen A-cappella-Stücken von den Beatles (EMI 066EL7 495561), die ich mir über einen SME 20 mit Fünfer-Arm und einem Audio Technica AT-50 ANV-System zu Gemüte führte. Digitale Kost lieferte mein immer noch hervorragender Teac DV-50e. Ihn »fütterte« ich mit Jheena Lodwicks CD »Getting To Know You«, den »Love Songs – A Compilation – Old & New« von Phil Collins und einigen Songs der Hamburg Blues Band vom Album »Mad Dog Blues«.
A-cappella-Chöre eignen sich hervorragend, um einen ersten Eindruck zu gewinnen. Die »Beatles Connection« stammt aus dem Jahr 1987. Die sechs Musiker der King's Singers sorgten seinerzeit mit ihrer Tenor-, Bariton- und Bass-Stimmenvielfalt für Furore. »Back In The USSR« ist ein Track, der nur so vor Vokalschwingungen strotzt, er ist geistreich und sehr farbenfroh aufgenommen. Außer der gelungenen Ensemble-Präsentation sticht vor allem eines hervor: So nervig-schön können sich Rillen-Stolpersteine als »Endlosschleife« entpuppen. Im Hörvergleich klingen viele Wettbewerber gerade in der Eingangspassage des Stücks »Georgia On My Mind« choral eingeengt, oft auch ein wenig zu bieder. Die Rock'n’Roll-Passagen haben über den KEF mehr Griff und Verbindlichkeit, ganz im Sinne von Harmonie und Gesamtpräsenz. Bass und Bariton werden hier mit mehr »Zwerchfell-Unterstützung« intoniert.
Willy deVilles »ausgestöpseltes« Livekonzert »Unplugged In Berlin« vom 21. März 2002 wurde von Pauler Acoustics remastert, Meyer-Records veröffentlichte diese Doppel-LP 2011. Der Event in der Columbiahalle startet mit »Betty And Dupree«, einem Boogie-Woogie der Extraklasse. Das Trio ist von Anfang an auf Betriebstemperatur. Die Anordnung der Grundelemente auf der Bühne ist klar definiert: Links setzt sich Seth Farber ans Klavier, rechts agiert David Keyes mit seinem Kontrabass, während in der Mitte des Podiums unser Hauptakteur durch ein simples »Good Evening« für Aufmerksamkeit sorgt. Mit nuschelnd-hingebungsvoller Stimme lotet der alte Charmeur die Ursprünge seines Delta-Blues-Feelings aus. Die Textzeile des ersten Liedes »Kiss me, baby, right on my ruby lips« offenbart seine innigsten Wünsche. Willy deVilles Mundmimik verrät dabei akustisch nuancierte Details, die über das britische Hörer-Set äußerst detailliert zur Geltung kommen. Der Kontrabass spielt über den M500 mit kontrollierter Wucht auf und gibt gleichzeitig den Rhythmus vor.
Auch bei digitaler Kost rümpft der englische »Dressman« nicht die Nase, vielmehr lässt er sich genüsslich füttern. Für die XRCD »Getting To Know You« war gerade das beste Studio-Equipment gut genug, um Jheena Lodwicks Cover-Evergreens in Szene zu setzen. Dazu imponiert gleich zu Beginn das Klangspektrum der Perkussions-Instrumente. Melchior Sarreals mächtige Fellmassagen sorgen für reichlich Membranauslenkung am M500. Die straffe Kontrolle macht gleichzeitig das i-Tüpfelchen aus. Die First Lady des weiblichen Gesangs hat einfach Charme, der ihresgleichen sucht. Ihr »I’m Feeling Blue« offenbart den ganzen Zauber ihrer vokalen Verführung. Hier lässt sich das Motto »nur den Kopfhörer aufsetzen und einfach genießen« perfekt erleben.
Phil Collins' Gesang auf »Tearing & Breaking« glänzt durch die vielstimmige Dubbing-Vertonung. Im Intro tritt er wie ein ganzer Chor auf und singt, als wolle er in seinem Kummer die ganze Welt umarmen, jeden um Hilfe bitten; sein Herzensleid ist unbeschreiblich. Er klingt über den M500 so verblüffend direkt, als stünde ihm die Anteilnahme der Zuhörer tröstend zur Seite. Kleine Impulsspitzen und die knackigen Drumbeats von »Do You Remember« sind das Salz in der Suppe und runden das popmusikalische Gesamtkonzept der CD ab.
In der Hamburg New Blues Band wirken altbekannte Cracks mit. Clem Clempson, Michael Brecker, Chris Farlowe und Maggie Bell gehören zur illustren Schar der Blues-Veteranen, die 2007 in Hamburg eines von vielen Konzerten gaben. Der einstige Colosseum-Frontmann knüpft mit »Sing The Blues For You« und »All 0r Nothing« in Sachen Reibeisenstimme an alte Zeiten an. So schroff und gleichzeitig lieblich – das geht für den Mann aus London wirklich nur nach dem »Alles oder Nichts«-Prinzip. Rauer Blues und feiner Gitarren- und Hammond-B3-Sound passen zum M500 wie die ehrliche Musik zur durchdachten Verwirklichung des KEF-Konzepts.
Hersteller: KEF
Vertrieb: GP Acoustics, Essen
Modell: M500
Kategorie: Stereo-On-Ear-Kopfhörer
Preis: 249 Euro
Garantie: 2 Jahre
Chassis: 40mm
Maximale Leistungsaufnahme: 30 mW (Herstellerangabe)
Kabellänge: 1,3 Meter
Anschlussstecker: 2,5/3,5mm (Kopfhörer/Quelle)
Gewicht: 210g
Beim KEF M500 gilt es gleich fünf fantastische Eigenheiten festzuhalten: unnachahmliches Design, überragender Klang, solide Verarbeitung, famoser Tragekomfort und ein klasse Preis-Leistungsverhältnis. Damit erfüllt diese Kopfhörer tatsächlich alle Kriterien, die auf meinem persönlichen Wunschzettel für das Musikhören mit Kopfhörern stehen. Günter Brämswig
| KEF M500 |
| Preis: 249 Euro |
| Garantie: 2 Jahre |