Dass Boston Acoustics sehr gute Lautsprecher bauen kann, haben die Amerikaner in den letzten drei Jahrzehnten vielfach bewiesen. Mit Hilfe europäischen Know-hows ist jetzt die Standbox RS 326 entstanden, die mit alten Traditionen Schluss macht. Ist so ein Schritt mutig oder einfältig?

Auch im Bereich Unterhaltungselektronik lösen sich statische Strukturen auf. Wurden Lautsprecher und Elektronik-Komponenten früher noch an einem einzigen Ort und wirklich unter einem Dach gefertigt, sieht die Realität heute ganz anders aus. Nicht nur der Vertrieb der Produkte umspannt den Erdball, sondern auch Planung und Entwicklung ruhen auf immer mehr internationalen Schultern. Dem wirtschaftlichen Erfolg der auf diese Art arbeitenden Unternehmen tut dieses Faktum anscheinend sehr gut.

Boston Acoustics gehört seit dem Jahr 2005 zur D&M Holding, die unter anderem auch Denon und Marantz sowie die High-End-Marke McIntosh besitzt. In einer solchen Struktur kann man nicht im Sessel sitzen und auf den Erfolg warten, man muss ihn planen und natürlich auch erreichen. Was für die Kunden ein gewaltiger Vorteil ist, denn am Ende der Überlegungen steht meist ein Produkt, das technisch über und preislich unter dem Durchschnitt liegen soll.

Wie funktioniert das denn konkret bei Boston Acoustics, werden Sie sich vielleicht fragen. An einem Boston-Produkt sind heute Institutionen und Menschen auf drei Kontinenten beteiligt: In Europa entstehen das Design – das Büro hat seinen Sitz in London – und die technische Entwicklung, für die seit neuestem Karl-Heinz Fink mitverantwortlich ist. In Asien wird kosteneffizient und in eigenen Produktionsstätten gefertigt, und zwar unter anderem mit Bauteilen, die aus Dänemark, Frankreich oder England stammen. Um Vertrieb und Marketing kümmern sich schließlich die Amerikaner, ein Gebiet also, das sie tatsächlich beherrschen.

Nach diesem Muster funktionieren inzwischen sehr viele Unternehmen, so werden Ihnen beispielsweise die Namen »Apple« und »KEF« sicher etwas sagen. Dass dieser Weg richtig ist, bezeugen auch die vielen wirklich guten Boston-Produkte. Da macht auch der Standlautsprecher RS 326 keine Ausnahme. Die schlanke Säule liegt mit 1.800 Euro das Paar in einer sehr attraktiven Preisklasse, in der Kunden sowohl überzeugende Klangqualität als auch picobello Verarbeitung erwarten.

Auffallend schöne Proportionen

Der rund 1,1 Meter in der Höhe messende Korpus der RS 326 thront auf einem Sockel, der entweder flach und direkt auf den Boden gestellt oder mit Hilfe beiliegender Spikes akustisch angekoppelt werden kann. Die Seitenwangen sind tadellos in hochglänzendem Schwarz lackiert. Hinter dem magnetischen Grill, der aufgrund seiner Konstruktion natürlich keine Löcher in der soliden Schallwand erfordert, sitzen in Summe vier Chassis. Eine Blende verbirgt die zur Montage benutzten Schrauben, so dass es sich bei diesem Lautsprecher auch optisch geradezu aufdrängt, ihn ohne seine Blende zu betreiben. Mit dem Stückgewicht von etwas über 21 Kilogramm kann er noch gut ohne fremde Hilfe manövriert werden. Ein wichtiger Umstand, wie Sie noch erfahren werden.

Hoch- und Mitteltöner der RS 326 sitzen räumlich dicht beieinander, um sich einer Punktschallquelle zu nähern. Durch diese Maßnahme verbessert sich der hörbare Räumlichkeitseindruck.

Die Technik der RS 326

Das Gehäuseinnere der Bassreflexbox ist mehrfach verstrebt und aus MDF-Platten gefertigt. Unterm Strich ist es also vor stehenden Wellen und Resonanzen weitestgehend geschützt. Das vergoldete Anschlussterminal ist auch für Bi-Amping beziehungsweise für Bi-Wiring geeignet. Beim Betrieb mit Single-Wiring-Kabeln lohnt sich der Einsatz der bei Boston Acoustics erhältlichen Bi-Wiring-Brücken »BaBy«, da sie deutliche klangliche Vorteile bieten.

Für die Übertragung des Frequenzbereichs zwischen 35 und 600 Hertz werden zwei 16,5-Zentimeter-Chassis eingesetzt. Das Membranmaterial besteht aus einem Gemisch aus Papier und Kunststoff, welches bei niedrigem Gewicht enorm steif sein soll. Ein Konusmitteltöner, der über einen sehr starken Magnetantrieb verfügt, überträgt den Frequenzbereich zwischen 600 und 3.700 Hertz. Darüber übernimmt die bewährte 25-Millimeter-Kalotte, deren »eingedellte« Oberfläche optisch zwar gewöhnungsbedürftig, technisch allerdings sinnvoll ist. Der in Dänemark hergestellte Tweeter verfügt über ein gegenüber normalen Dom-Kalotten verbessertes Resonanzverhalten und eine breitere Abstrahlcharakteristik.

Bei der Frequenzweiche kommen ausgesuchte Bauteile zum Einsatz, die in erster Linie bei Hörtests ausgesucht wurden. Falls eines allerdings im Nachhinein bei den Messungen versagte, wurde es gnadenlos aussortiert.

Erstens kommt es anders …

Vor dem Hörtest herrschte keine große Aufregung im Hörraum. Schließlich wissen wir, dass uns bei Boston Acoustics keine negativen Überraschungen erwarten. Also flott die bei Sieveking-Sound erhältliche Phil-Collins-Gold-CD »Face Value« in den Marantz SA-KI Pearl und am Audionet Vollverstärker SAM G2 den Pegel auf -37 dB. Hoppla, das klingt ja gar nicht so richtig nach Boston Acoustics, sondern vielmehr nach dem ein oder anderen High-End-Schallwandler dänischer oder deutscher Herkunft.

Statt des in der Tendenz bisher immer leicht kernigen Mitteltonbereichs und eher dezenter Hochtonwiedergabe, reißt die RS 326 an dieser Stelle den Vorhang weit auf. Die Ortung von Stimme und Instrumenten ist problemlos möglich – und dies auf dem Fundament eines sehr, sehr ansprechenden Tieftonbereichs. Angesichts einer solchen Fokussierung lohnt es sich aber definitiv, mehr Zeit in die Aufstellung zu investieren. Dabei sollte man zu Beginn mit zwei extremen Winkeln arbeiten, um ein Gefühl für das Maß der Möglichkeiten zu bekommen.

Diese Herren sind für Boston Acoustics im Einsatz (v. l. n. r. ): Rainer Fink für Europa, Hans-Peter Ludwig für Deutschland und Eli D´Harary für das internationale Geschäft. Nicht nur ihr Teamgeist beflügelt gerade die Marke neu, sondern vor allem eine Vielzahl spannender Produkte.
Das Beste für den Klang: Bei Einsatz eines Single-Wiring-Kabels empfiehlt sich die Verwendung der BaBy-Bi-Wiring-Brücken, die auch von Boston Acoustics stammen.

… und zweitens als man denkt

Im i-fidelity.net-Hörraum stand die RS 326 zu guter Letzt nur minimal eingewinkelt, weil sie in dieser Position die Bühne akustisch bis weit hinter die Rückwand ausleuchtet. Gut zu hören bei Monteverdis »Esurientes Implevit Bonis« (Decca, Gardiner) sind die Reihen der Stimmen und die Blasinstrumente. Erstaunlich, in welchem Maße die RS 326 hier Details zutage fördert, ohne dass diese das gesamte musikalische Geschehen stören oder dominieren. Wohltuend beim Hören ist auch der Eindruck von Natürlichkeit – so kann es bei der Aufnahme geklungen haben, denken sich die Testredakteure.

Die Klavieranschläge von Robbie Williams' »Feel« sind präzise und gehen auch mit den einsetzenden Stimmen nicht unter. Mit der Wiedergabe des sonoren Basses macht die Boston Acoustics stellvertretend für diese Klasse deutlich, warum sich der Kauf »akustischer Wellnessprodukte« lohnt. Sauber und mit scharfen Konturen treibt der Bass den Titel, dabei ist er druckvoll, ohne auch nur minimal nach Bassanhebung am Verstärker zu klingen. Grandios.

Voll in ihrem Element ist die RS 326 auch bei »I'll Never See You Smile Again« von Bob James und Earl Klugh. Bei diesem dem Smooth-Jazz-Bereich zuzuordnenden Titel genießen die Hörer das weitgefächerte Klangbild, den neutral leuchtenden Hochtonbereich und die Dynamik der mit Plektrum bearbeiteten Gitarrensaiten. Diese Art Musik kann richtig langweilig klingen, wenn man sie auf einer schlechten Anlage hört. Hier ist es einfach nur entspanntes Vergnügen.

Aber im Weichspülgang alleine zu funktionieren, das reicht natürlich nicht aus. Also die Black Eyed Peas in den Player und »Just Can't  Get Enough« auswählen. Fulminant geht es zur Sache. Der elektronisch erzeugte Bass wird in den Hörraum gepumpt, und die Stimmen von »Fergie« und »Will I. Am« werden trotz des explosiven Feuerwerks im untersten Frequenzbereich noch vernünftig abgebildet. Allerdings ist die Boston Acoustics RS 326 für stumpfen Partysound definitiv zu schade.

Da füttert man sie akustisch doch lieber mit Torun Eriksen und dem Titel »Picking Up The Pieces«: Xylophon, Klavier und die unverwechselbare Stimme vereinen sich zu einem intimen Gesamtkunstwerk, das jeder schlechte Lautsprecher zerstören würde. Die Boston bildet die Bühne nahezu perfekt ab, nimmt Klangfarben ernst und erlaubt sich keinerlei Betonungen. Ihren vielfältigen musikalischen Einsatzmöglichkeiten steht dank dieser Charakteristik also absolut nichts im Wege.

Boston Acoustics RS 326

Konstruktion:
   Drei-Wege-Bassreflexgehäuse
Chassis:   2 x 16,5-cm-Tieftöner, 1 x 8,5-cm-Mitteltöner, 1 x 25-mm-Hochtonkalotte

Übergangsfrequenzen:
   600 / 3.700 Hertz
Anschlüsse:   Bi-Wiring-Terminal, im Auslieferungszustand gebrückt

Abmessungen (B x H x T):   27 x 112 x 32 cm
Gewicht:   22 kg

Gehäuseausführung:   Hochglanz-Schwarz
Besonderheiten:   Magnetische Abdeckung

Paarpreis:   1.798 Euro
Garantie:   5 Jahre

 

Boston Acoustics Deutschland GmbH

E-Mail:   info(at)bostona.eu
Internet:   www.bostona.eu

 

Das Spitzenmodell der Reflection-Baureihe ist die RS 326. Sie erfüllt die an sie gestellten klanglichen Erwartungen in weit über den Durchschnitt hinausgehendem Maße –  vorausgesetzt, man gibt sich bei der Aufstellung ein bisschen Mühe. Die eigentliche Überraschung besteht aber darin, dass sie eine deutlich vernehmbare und sehr positive Änderung der Klangkultur im Hause Boston Acoustics anstimmt. Gegenüber dem eher zurückhaltenden Klangbild früherer Tage sind jetzt akustische Offenheit und Transparenz die im Vordergrund stehenden Pluspunkte – und die haben auf dem europäischen Markt großes Gewicht. Die RS 326 sind sowohl akustisch als auch optisch echte Klasse-Lautsprecher zum mehr als fairen Preis!   Olaf Sturm

Boston Acoustics RS 326
Paarpreis: 1.798 Euro
Garantie: 5 Jahre
sehr gut
gut - sehr gut
sehr gut
sehr gut

TEST

Lautsprecher:
Boston Acoustics RS 326
Autor:
Olaf Sturm
Datum:
10.03.2011
Hersteller:
Boston Acoustics