AV-Receiver und High-End-Klang: Geht das zusammen? Arcam möchte mit dem Top-Modell AVR750 diesen Beweis antreten – mit allem, was audiophil in solch ein »Dickschiff« zu integrieren ist, mit üppigster Stromversorgung und feinster Wandler- und Endstufentechnik. Ist dieser Versuch gelungen?

Liest man die Anzeigen der einschlägigen HiFi- und Heimkino-Anbieter, könnte man meinen, AV-Receiver über 1.500 Euro müssten unverkäuflich sein. Schließlich haben selbst hartgesottene Hersteller wie Pioneer und Denon, die früher ihren Ruf durch highendige und teure Receiver begründeten, keine größeren Modelle mehr im Portfolio. Die Strategen bei Arcam müssen also entweder komplett neben der Spur laufen oder doch einen Markt sehen, den andere aus den Augen verloren haben.

Auf dem Papier jedenfalls wirkt der Arcam AVR750 vergleichsweise unspektakulär und kann weder durch seine Leistungsdaten noch den Feature-Katalog seinen Preis von immerhin fast 5.000 Euro rechtfertigen. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein, denn was da eingebaut wurde, steckt bereits in Japan-Geräten für unter 1.000 Euro. So bietet der Engländer »nur« sieben Endstufen. Auch die Zahl der Ein- und Ausgänge liegt eher im Mittelmaß, was aber bereits eine großzügige Bestückung bedeutet, und zwar bei Bild und Ton, analog und auch digital. Die immerhin sieben HDMI-Eingänge sollten für aktuelle Anlagen auch reichen, zumal auch die wichtigsten neuen Funktionen unterstützt werden wie etwa der Audio-Return-Channel (ARC), mit dem der Ton des im TV eingebauten Receivers ohne Extrakabel in den Arcam gelangt, und es werden auch schon Ultra-HD-Auflösungen verwaltet. Im Gegensatz zu früheren Arcam-Verstärkern arbeitet in der Digitalsektion sogar ein vollständiger Video-Prozessor und Scaler, der auch Signale von analogen Eingängen verarbeitet und gegebenenfalls ein Tuning der Bildsignale zulässt. Die Video-Verarbeitung lässt sich aber zugunsten von Original-Qualität und kürzeren Umschaltzeiten auch abschalten, das HDMI-Board ist dann lediglich ein neutraler Switcher. Gut gemacht.

Auch an anderer Stelle gibt sich der AVR750 im Vergleich zu seinen günstigeren Konkurrenten vergleichsweise bescheiden, etwa was die Zahl der Tasten auf der Front angeht, und es ist auch kein Schaltpult oder Steckbrett unter einer Klappe verborgen – ganz nach dem Motto »What you see is what you get«. Dafür gibt es für Stromsparer einen richtigen Netzschalter auf der Front. Hier herrscht überhaupt eine Übersicht, die ihrem Namen Ehre macht, und es gibt gerade mal die Büchslein für Kopfhörer und Einmess-Mikrofon. Das wirkt erholsam überschaubar. Und getreu der Maxime »Das Design ist am besten, wenn man nichts mehr weglassen kann, bevor etwas fehlt« sind die Tester der Meinung, dass die Entwickler nur eine winzige Spur über ihr Ziel hinausgeschossen sind, denn es fehlt eine Stand-by-Taste. Entweder man schaltet das Gerät also mit dem Hauptschalter ganz aus oder man versetzt es mit der Fernbedienung in den Stand-by-Modus. Das ist schlicht eine Sache der Gewöhnung.

Auch die »inneren Werte«, die man als normaler Anwender zu sehen bekommt, reißen keinen Smartphone-Junkie vom Hocker. So kommt das On-Screen-Menü mit vergleichsweise geringer Auflösung und ohne poppige Grafiken oder gar Animationen daher. Auch an dieser Stelle hielten sich die Ingenieure an die Vorgabe, dass nichts ins Produkt kommt, was nicht der Performance hilft. Entsprechend zeigt sich das Menü funktional und ohne Schnickschnack. Das gilt auch für die handliche Fernbedienung, die dank ihrer vergleichsweise geringen Zahl an beleuchteten Tasten gut sortiert ist und so im Alltag die Handhabung recht angenehm macht – zumal sie nach entsprechender Einrichtung auch die anderen Geräte der Anlage, etwa Fernseher und Blu-ray Player, ebenfalls zu kontrollieren vermag.

Solide Ausstattung

Ein paar Extras stecken dann noch unter dem exakt verarbeiteten Deckel. Hierzu zählen unter anderem die integrierten Audio-Quellen wie etwa der Tuner. Der empfängt UKW, DAB und DAB+. Dann gibt es noch einen Streaming-Player. Der bekommt seine Daten entweder von einem angeschlossenen USB-Speicher, über den Netzwerkanschluss aus dem Internet oder einem lokalen Server. Die USB-Schnittstelle kommuniziert auch direkt mit einem angestöpselten Apple-Mobilgerät. Per vTuner sind über tausend Sender aus aller Welt und jeder nur erdenklichen Musikrichtung per Internet zu empfangen. Per DLNA-Standard lassen sich von lokalen Media-Servern und vielen Programmen/Apps Musik auch durch das Netzwerkkabel direkt in den Arcam beamen. Der integrierte Player versteht die gängigsten Dateiformate von MP3 über MP4/AAC (iTunes), WAV (PCM), WMA und natürlich FLAC. Die Dateien dürfen bis zu 24 Bit quantisiert sein, allerdings ist die Abtastrate auf 48 Kilohertz begrenzt. Damit scheiden zwar super-hochauflösende Dateien aus, für normale, gekaufte Daten und gerippte CDs ist das kein Problem. Wer höher Aufgelöstes abspielen möchte: Das beherrschen heute auch die meisten Blu-ray Player, und den schließt man ohnehin an den AVR750 an.

Natürlich gibt es auch passende Apps, um den Arcam zu steuern, und zwar gleich zwei verschiedene. Da ist zum einen die ArcamRemote-App, die die Funktionalitäten der Fernbedienung und des On-Screen-Displays auf dem Touchscreen vereint, und zum anderen das Arcam SongBook, eine angepasste und zudem kostenlose Variante des bekannten DLNA-Players, mit der sich besonders übersichtlich und flott durch die Musik vom Server navigieren lässt. Die ArcamRemote gibt sich zwar extrem informativ, übersichtlich geht aber anders. Dann gibt es da noch eine kleine Hürde, über die viele Anwender, auch die Tester, stolpern. Denn so ohne Weiteres kommuniziert die ArcamRemote-App nicht mit dem Receiver. Diesen muss man zunächst mit der physischen Fernbedienung im Menü zur Steuerung per IP-Protokoll freischalten, dann geht alles wie von selbst. Es gibt sogar eine, leider ebenfalls etwas versteckte Funktion in der App, von der sich andere Hersteller gerne eine Scheibe abschneiden könnten: In der Regel suchen diese Steuer-Apps zunächst bei jedem Start nach einem bekannten Gerät, was den Start um oft mehrere lästige Sekunden verzögert. In der ArcamRemote-App lässt sich ein einmal gefundenes Gerät, im Testfall der AVR750, mit seiner Netzwerkadresse speichern und so quasi fixieren. Die startet dann ohne die zähe Suche, man kann sofort damit arbeiten. Super.

Das Einrichten des AVR750 geht mit dem integrierten Einmesssystem semiautomatisch und recht einfach mittels Mikrofon am Hörplatz. Der Computer ermittelte die angeschlossen Lautsprecher, deren Pegel und Distanzen zuverlässig, und auch der Equalizer zur Raumentzerrung wurde angepasst. Etwas stutzig wurden die Tester bei der vom Algorithmus gewählten Übergangsfrequenz für Center und Surround-Lautsprecher zum Subwoofer, die mit 150 Hertz für die ausgewachsenen Heco Celan GT Lautsprecher sehr hoch gegriffen schien. Das klang dank des potenten Subwoofers ordentlich, aber nach ein paar praktischen Versuchen korrigierten die Tester die Übergangsfrequenz auf die auch von anderen Systemen in der Regel gewählten 80 Hertz, was homogener klang.

Dann ging es ans Hören

Sie wollen wissen, ob der Arcam-Receiver seinen vergleichsweise hohen Preis rechtfertigen kann? Ein gut gewähltes Stück Musik reicht hier für die Beurteilung schon. Solch eine plastische Abbildung und detailreiche Wiedergabe mit wunderbar musikalischem Fluss konnte bislang kein billiger AV-Verstärker reproduzieren. Schon wenige Takte machen klar: Das hier spielt in einer anderen Liga. Jeder 1.000-Euro-AV-Receiver, selbst wenn er auf dem Papier ähnliche Leistungsdaten aufweise, klingt im Vergleich zum Arcam oberflächlich und steril.

Sehr deutlich wurde das mit natürlicher, unverfälschter, akustischer Musik vom Server über den integrierten Mediaplayer. Mit dem iPad wählten die Tester mit der SongBook-App die auf den Server gerippte »Jazz At The Pawnshop« von der FIM XRCD. Die Lautstärke wurde hochgedreht, und nun ließ sich – was sonst nur wirklich highendige Anlagen erlauben – sogar verstehen, dass in der Kneipe Schwedisch gesprochen wird, bevor die Musik losgeht. Und die swingte ungemein und erzwang ein sofortiges Mitwippen mit dem Fuß. Auch während der Musik konnte man noch deutlich die Umgebungsgeräusche des Musikclubs wahrnehmen, die einfachere Verstärker gerne verschlucken – ein schöner Beweis für die stabile Feindynamik des Arcam. Diese Tugend kommt ihm natürlich auch bei Stimmwiedergabe zugute. Hier bildet er Artikulationsgeräusche größenrichtig ab und das in bester Neutralität. Zudem löst er Vokaldarbietungen wirklich fein auf, so gut, wie es auch von einem hochwertigen Zweikanalverstärker zu erwarten wäre. Während des gesamten Hörtests erwies sich der bullige Brite übrigens als sehr angenehmer Zeitgenosse, der unabhängig vom Programmmaterial nicht die Spur einer Nervigkeit vermittelt. 

Tonal bewegt sich der AVR750 eher auf der hellen Seite, wirkt aber dabei nicht wirklich höhenbetont, sondern schlicht glockenklar. Die Becken des Schlagzeugs etwa klangen wie frisch poliert. Beim Einsatz des Vibrafons zeigte sich die Mühelosigkeit mit der die Anschläge im Mitteltonbereich aus dem Gesamtkontext hervortraten. Keine Spur von Nervigkeit zeigte sich hier, was klares Referenzniveau bedeutet. Die exzellente Qualität der Digital/Analog-Wandlung in Verbindung mit den highendig arbeitenden Verstärkerstufen des Receivers liefert die wie aus einem Guss wirkende Balance aus Grob- und Feindynamik, die man von vielen AV-Produkten vergebens erwartet.

Nun wurde es Zeit, ein paar weitere Kanäle zu aktivieren. Die Tester legten das Konzert »Atemlos Live« von Schiller in den Oppo Blu-ray Player des Testkinos und starteten »Always You« mit der aus Indonesien stammenden französischen Sängerin Anggun im Mehrkanal-Mix in DTS-HD Masteraudio. Die wuchtigen Drums und fetten Synthie-Sounds aus allen Himmelsrichtungen fordern jenseits von Zimmerlautstärke Leistung satt vom Netzteil, und nur wenn dieses ausreichend langen Atem besitzt, wird die Stimme mit ihrem sanften, dunklen Timbre nicht beeinträchtigt. Doch auch dieses Stück schien für den Arcam kaum eine Herausforderung darzustellen, egal wie weit die Tester den Volume-Regler auch aufdrehten. Wie in Stein gemeißelt blieben die Abbildung und das Bassgerüst stehen, Angguns Stimme blieb stets klar umrissen und unbeeindruckt auf der Mitte der Bühne präsent.

Physisches Vergnügen inklusive

Das gleiche Bild zeigte sich beim Versuch, den Arcam mittels Schlachtschiff contra Aliens im Science-Fiction-Kracher »Battleship« aus der Puste zu bringen. Hierbei entledigten sich sämtliche Tieftöner und der Subwoofer allem anhaftenden Staub und man glaubte fast, die Schockwellen der Explosionen durch den Teppich rollen zu sehen. Gleichzeitig ließ sich die Abbildung selbst leiser Details wie etwa des splitternden Schiffsrumpfs, Dialogfetzen und das prasselnde, aufgewühlte Wasser exakt hören. Die scheinbare Mühelosigkeit des Verstärkers verblüffte immer wieder.

Messwerte AV-Verstärker: Arcam FMJ AVR 750

Leistung:

Nennleistung @ 4 Ohm (1% THD):   228 W
Nennleistung @ 8 Ohm (1% THD):   145 W

Verzerrungen:
Klirrfaktor (THD+N, 10 Watt @ 4 Ohm):   0,0056 %
IM-Verzerrungen SMPTE (5 Watt @ 4 Ohm):   0,026 %
IM-Verzerrungen CCIF (5 Watt @ 4 Ohm):   0,0054%
 
Störabstände:

Fremdspannung (- 20 kHz):   -95,9 dB
Geräuschspannung (A-bewertet):   -99,4 dB
 
Sonstige:
Obere Grenzfrequenz (-3dB / 10 W @ 4 Ohm):   139 kHz

Kanaldifferenz:   0,026 dB

Eingangswiderstand;    112 kOhm

DC-Ausgangs-Offset:    0,9 mV


Stromverbrauch:

Leerlauf:  107 W

 

Die ArcamRemote App zeigt auf der Infoseite alle relevanten Statusdaten des laufenden Programms und in Groß die Lautstärke-Funktionen.
Clever gelöst ist die Möglichkeit, mittels »Default Connection« die aktuelle Netzwerkverbindung zwischen Receiver und App quasi einzurasten. So startet die App viel schneller.
Die App SongBook ist ein komfortabler und übersichtlich gestalteter DLNA-Player. Damit lässt sich von allen kompatiblen Quellen und Servern im lokalen Netzwerk Musik zum DLNA-Renderer des AVR750 schicken und in Playlisten verwalten.

Hersteller:   Arcam, England

Vertrieb:   GP Acoustics, Essen

Modell:   AVR750

Kategorie:   AV-Receiver

Preis:   4.999 Euro

Garantie:   bei Fachhändlerkauf/Registrierung 5 Jahre

Anschlüsse
Video-Eingänge:   7 x HDMI, 3 x Component, 4 x Composite
Video-Ausgänge:   2 x HDMI, 1 x Composite (Zone2)

Audio-Digitaleingänge:   7 x HDMI, 2 x HDMI (ARC), 4 x S/PDIF (Cinch), 2 x S/PDIF (TosLink)
Audio-Analogeingänge:   6x Cinch (Stereo)
Audio-Analogausgänge:   1 x Cinch (7.1 Surround), 1x Cinch (Zone2)

Datenanschlüsse:   LAN, USB-Schnittstelle

Tuner:   UKW, DAB, DAB+

Mitgeliefertes Zubehör:   Netzkabel, CR450 Fernbedienung, Bedienungsanleitung, DAB/UKW-Antenne, Kalibrierungsmikrofon

Abmessungen (B x H x T):   43,5 x 18 x 43 cm

Gewicht (Netto):   17 kg

 

GP Acoustics GmbH
Kruppstraße 82-100
45145 Essen

Telefon:   02 01 / 17 03 90

Internet:   www.arcam.de

Glauben Sie bitte auch bei AV-Receivern nicht ausschließlich den Datenblättern. Diese können zwar die Ausstattungsquantität darstellen, nicht aber die Klangqualität! Wer das nicht glaubt, der suche sich einen Arcam-Fachhändler und lasse sich den ARV750 vorführen. Bringen Sie etwas Zeit und am besten ein paar eigene CDs und Blu-rays mit. Diese Mischung aus müheloser Kraft und Feingefühl für kristallklare Details, die dieser Receiver vermittelt, lässt sich mit Standard-AV-Receivern kaum ansatzweise darstellen. Die Ausstattung ist üppig, aber frei von Schnickschnack. Hier ist eben alles auf beste Klangqualität in Stereo und Surround ausgelegt, weshalb der ARV750 den i-fidelity.net-Referenzstatus erreicht. Auf Komfort wie die Bedienung per App und Einmessautomatik muss man genauso wenig verzichten wie auf den integrierten Mediaplayer mit DLNA und Internet-Radio, und UKW- und DAB+-Empfang gibt es auch noch. Ein schönes, rundes Paket für Genießer und Wertschätzer guter Musik und Filme.   Raphael Vogt

Arcam AVR750
Preis: 4.999 Euro
Garantie: bis zu 5 Jahren möglich

TEST

Heimkino:
Arcam AVR750
Autor:
Raphael Vogt
Datum:
24.12.2013
Hersteller:
Arcam